Bevor Kinder in die Schule dürfen, müssen sie auf einem Bein hüpfen, Seh- und Hörtests machen und Quadrate und Dreiecke malen. Mit solchen und weiteren Tests wird normalerweise überprüft, ob Vier- und Fünfjährige "schulreif" sind. Nicole Diehlmann macht sich Sorgen, weil das bei ihrem Sohn, der im September in die Schule kommt, niemand abklärt. Für ihn wie für zahlreiche andere Kinder wird es in diesem Jahr keine Einschulungsuntersuchung geben. "Es ist schade, dass das für einen ganzen Jahrgang einfach so wegfällt", sagt Diehlmann.

Eigentlich zielt die Bildungspolitik in die entgegengesetzte Richtung. In den vergangenen Jahren ist die Einschulungsuntersuchung auch durch Pisa stärker in den Fokus gerückt. "Sie war in den letzten Jahren im Aufwind", sagt Ulrike Horacek von der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin. Schuluntersuchungen sind in den meisten Bundesländern in den Schulgesetzen verankert. In der Praxis sieht es allerdings oft anders aus: Oft müssen sie ausfallen, weil das Personal fehlt. In Sachsen zum Beispiel ist der kinder- und jugendärztliche Dienst in drei von zehn Landkreisen deutlich unterbesetzt. "Wir schreiben Stellen oft zwei-, dreimal aus und finden niemanden", sagt Regine Krause-Döring vom Landesverband Sachsen der Ärzte und Zahnärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Nicht zuletzt weil der Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes die Arbeit nur wenig attraktiv macht: Wer von der Klinik dorthin wechselt, dessen Grundgehalt schrumpft um 1000 bis 1500 Euro.

Zwei Jahrgänge müssten untersucht werden – dafür fehlt das Personal

Baden-Württemberg, wo Familie Diehlmann lebt, ist innerhalb dieser Gesamtproblematik ein Sonderfall. Für gut die Hälfte aller Kinder hier dürften die Einschulungsuntersuchungen 2009 ausfallen. Das Dutzend, das mit Diehlmanns Sohn in dem kleinen Dorf Duttenberg, Landkreis Heilbronn, in den Kindergarten geht, wird nicht untersucht. Im gesamten Landkreis gilt dies für 4000 von rund 8000 künftigen Erstklässlern.

Die Mängel bei den Einschulungsuntersuchungen im Südwesten der Republik sind Auswuchs einer eigentlich auf das Gegenteil abzielenden Reform: Nachdem die vor einigen Jahren ganz abgeschaffte Einschulungsuntersuchung auf heftigen Protest hin wieder eingeführt wurde, wurde sie unter wissenschaftlicher Begleitung neu konzipiert: Die Kinder sollten nicht wie bisher im letzten, sondern bereits im vorletzten Kindergartenjahr auf Entwicklungsauffälligkeiten untersucht werden, um Förderbedarf früher erkennen und so bis zum Schuleintritt an Schwächen arbeiten zu können. Eine Folgeuntersuchung im letzten Kindergartenjahr bei Bedarf sollte dann die Schulreife sicherstellen. Der Modellversuch verlief erfolgreich, die Reform wurde beschlossen und läuft seit Dezember 2008.

Allerdings hatte dies zur Folge, dass 2009 zwei Jahrgänge statt eines untersucht werden müssen: die Kinder, die 2010 eingeschult und nach der neuen Regelung untersucht werden, und die, die im September dieses Jahres nach dem alten Modell in die Schule kommen. "Wir haben großen Wert darauf gelegt, dass die neue Einschulungsuntersuchung schnell und so gut wie möglich auf den Weg gebracht wird", sagt Marion Deiß, Sprecherin des baden-württembergischen Sozialministeriums. Man wolle aber die entstandenen Probleme nicht wegdiskutieren.

Kinder aus bildungsfernen Schichten könnten durchrutschen

Lösen allerdings kann man sie nicht, weil im ohnehin unterbesetzten Gesundheitsdienst schlicht das Personal fehlt. Auch dass eine allgemeine Stellenbesetzungssperre für die Gesundheitsämter aufgehoben wurde, hilft da nicht viel. "Landesweit ist die doppelte Zahl an Kindern zu untersuchen – das schaffen wir ressourcenmäßig einfach nicht", sagt Karl-Heinz Schick, der im Gesundheitsamt Esslingen den kinder- und jugendärztlichen Dienst leitet und die Neukonzeption mitentwickelt hat. Der Wegfall war nicht Folge einer übereilten Umsetzung, sondern wurde als Übergangsproblem in Kauf genommen. "Das war aufgrund der personellen Situation absehbar", sagt Schick. Die Umsetzung über einen längeren Zeitraum mit einer Untersuchung mehrerer Jahrgänge hätte die Situation zu unübersichtlich gemacht.