DIE ZEIT: Frau Widmer-Schlumpf, ist die Schweiz langsam zu voll?

Eveline Widmer-Schlumpf: Ich würde nie sagen, "Das Boot ist voll". Jede Generation hat Probleme zu bewältigen, da helfen Schlagworte wenig. Wir haben aber immer mehr Einwohner, und davon sind 22 Prozent Ausländer. Wir müssen die Integration viel stärker durchsetzen, wir müssen sie fordern und fördern.

ZEIT: Deutschkurse als Zwang?

Widmer-Schlumpf: Wer hier bleiben will, wer also eine Niederlassungsbewilligung oder gar eingebürgert werden will, muss sich mit der Bevölkerung verständigen können und unsere Kultur und unsere Gesetze respektieren.

ZEIT: Hat sich das System Bundesrat als tauglich erwiesen in der Krise?

Widmer-Schlumpf: Die Kollegialbehörde ist eine gute Lösung. Es gibt aber Verbesserungsmöglichkeiten. Wir müssen vermehrt strategische Fragen überdepartemental diskutieren.

ZEIT: Das passiert bislang sehr unkoordiniert.

Widmer-Schlumpf: Bisher geschah dies nur punktuell. Ich komme aus einer Kantonsregierung. Wir waren 1999, als ich anfing, in einer finanziell schwierigen Situation. Dann habe ich als Finanzdirektorin mit meinen Kollegen einen ambitionierten Plan erarbeitet, wie wir in vier Jahren aus dieser Situation herauskommen können. Alle Departemente haben einen Beitrag geleistet. Wir haben es geschafft. Strategische Arbeit ist im Bundesrat weniger möglich, weil wir zeitlich durch die Kommissionen und das Parlament sehr absorbiert sind.

ZEIT: Die strategische Führung soll der Bundespräsident übernehmen, der fortan mindestens zwei Jahre lang dieses Amt ausübt?

Widmer-Schlumpf: Der Bundespräsident, ob er nun ein Jahr oder vielleicht künftig einmal zwei Jahre im Amt ist, muss die Themen setzen und mit den übrigen Mitgliedern des Bundesrats diskutieren. Die Themen betreffen fast immer mehrere Departemente, denken Sie nur an die Migrationspolitik, die Personenfreizügigkeit…