Wenn ein österreichischer Regisseur in Deutschland einen Film mit deutschen Schauspielern dreht über die Vorboten des Nationalsozialismus, der ja bekanntermaßen eine deutsche Bewegung war, in der aber ein Österreicher eine nicht unmaßgebliche Rolle gespielt hat, handelt es sich dann um einen deutschen oder um einen österreichischen Film?

Ähnlich verstiegen wie diese Frage wirkten auch die Diskussionen um Michael Hanekes Film Das weiße Band, der bei den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme gewann. Schon vor der Festivalpremiere war in den deutschsprachigen Medien eine Diskussion um die Nationalität des Films entbrannt. Die einen sahen den Film als eine Art Gastarbeiterleistung und hoben hervor, dass er mit deutschem Geld und deutschem Thema auf deutschem Boden gedreht worden sei. Die anderen nahmen Haneke beim Wort, der immer betont, dass seine Filme, egal von wem finanziert, nun mal die eines Österreichers seien. Gerade in Zeiten, in denen sich das Kino zunehmend globalisiert, internationalisiert und polyglottisiert, in denen kaum eine größere europäische Produktion ohne die länderübergreifende Beteiligung von Filmförderungen, Filmfonds und Fernsehsendern entsteht, in denen Filme hier geschrieben, da gedreht und dort fertiggestellt werden, mutet die Diskussion seltsam rückwärtsgewandt an.

Das weiße Band ist vor allem eines: ein beeindruckender und verstörender Film, der wie jedes Kunstwerk über alle nationalen Piefigkeiten hinausweist, weil er aus der kleinen Welt eines norddeutschen Dorfes eine große Studie über die Genese des Terrors aus der Unterdrückung macht. Haneke erzählt von rätselhaften Gewalttaten, die ein protestantisches Dorf kurz vor dem Ersten Weltkrieg erschüttern. Aus präzise beobachteten Alltags- und Familienszenen entsteht das Panorama einer Gesellschaft, geprägt von Standesunterschieden, Obrigkeitshörigkeit, rigidem Protestantismus und repressiver Erziehung. Haneke zeigt, wie sich die Verhärtungen, Demütigungen und Verdrängungen der Eltern auf die Kinder übertragen und an anderer Stelle hervorkommen. Wieder hängt er sein Lot in die Ur- und Untergründe einer Gesellschaft. Wieder schreibt er eine Genealogie der Gewalt. Ob die erzieherische Brutalität und protestantische Gefühlskälte über den Epochenbruch des Ersten Weltkriegs letztlich zum deutschen Faschismus führten, bleibt offen. In Erinnerung bleiben Schwarz-Weiß-Bilder, die an die Fotos unserer Großeltern und Urgroßeltern erinnern, deren Kindheit der Film nun zu erzählen scheint.

Josef Bierbichler und Detlev Buck, Susanne Lothar, Steffi Kühnert und Ulrich Tukur, Darsteller unterschiedlichster Spielweisen und Dialekte, werden zu einer geschlossenen Haneke-Welt amalgamiert, von der die Gefühle wie abgetrennt sind. Einmal bekommt der Dorfpfarrer (Burkhardt Klaußner) von seinem kleinen Sohn einen Vogel geschenkt, der seinen toten Wellensittich ersetzen soll. Man sieht den Adamsapfel des Geistlichen zittern, man sieht eine Ahnung von Rührung in seinen Augen – am Ende wahrt er dennoch Strenge und Fassung. Es ist eine der eindringlichsten Szenen, weil sie zeigt, wie ein Vater die Gefühle, die er der nächsten Generation verwehrt, auch dem eigenen Erziehungskorsett nicht entringen kann.

Vielleicht sollte man festhalten, dass der Drehstandort Deutschland auch und vor allem eine Chance für deutsche Schauspieler ist. Und hat es nicht ein kleiner Stoßtrupp unserer deutschen Jungs in Quentin Tarantinos Kriegsfilm Inglourious Basterds geschafft? In ihren Wehrmachtsuniformen schlagen sich August Diehl und Daniel Brühl wacker in diesem viel zu langen, verläpperten Film über eine Gruppe amerikanischer Nazijäger während des Zweiten Weltkriegs. Obwohl mit Martin Wuttkes Hitler-Auftritt nun wirklich die Zeit für ein weltweites zehnjähriges Führerdarstellungsverbot gekommen ist, Til Schweiger auch in internationalen Produktionen am besten nur sehr kurze Sätze sagt und Diane Kruger, der deutsche Hollywood-Export, am besten gar keine. Zusammengehalten wird Inglourious Basterds übrigens von einem Österreicher, der aber auch irgendwie ein Deutscher ist, weil er in Berlin lebt: Christoph Waltz, der für seine Rolle eines diabolisch-weltgewandten SS-Obersts den Darstellerpreis des Festivals bekam.

Sollte man an dieser Stelle nicht ganz nüchtern erwähnen, dass Cannes zunächst einmal ein Triumph der deutschen Filmförderung ist, der es in den letzten Jahren gelang, sich zunehmend zu internationalisieren und den Drehort Deutschland für Cannes-Teilnehmer wie Haneke, Tarantino und Lars von Trier wirtschaftlich attraktiv zu machen? Jedenfalls kommt das der Wahrheit dieses Kinolandes näher als manche palmentaumelige Äußerung an der Croisette: "Wir sind stolz darauf, dass eine internationale Jury einen deutschen Film mit einer deutschen Geschichte vor der ganzen Welt hervorhebt" (Hanekes Produzent Stefan Arndt). Oder: "Cannes war die Stunde der Deutschen" (Michael Schmid-Ospach, Chef der NRW-Filmstiftung). Am Ende wird auch noch von Charlotte Gainsbourg und ihrem Darstellerinnenpreis für die Hauptrolle in Lars von Triers Antichrist ein bisschen Glanz für unser deutsches Wäldchen bei Bergisch Gladbach abgezapft werden, in dem der Film entstand.