Fast vierzig Jahre ist das jetzt her. Die meisten Leute, denen ich heute immer mal wieder von einem Podium aus ins Gesicht gucke, kannten damals höchstens die Augsburger Puppenkiste. Aber wie werde ich ihnen vorgestellt, jedes Mal und meist von noch so einem Puppenkisten-Menschen? Als die »erste Frau, die im deutschen Fernsehen die Nachrichten präsentierte«. Himmel! Habe ich nicht noch was anderes gemacht in all der Zeit?

Nachrichten – Frau – die erste. Das sitzt im kollektiven Gedächtnis. Da hallt immer noch das Echo nach von jener öffentlich-rechtlichen Frivolität, die überkommene Sehgewohnheiten durcheinanderschüttelte. Die Programmverantwortlichen im ZDF vom Intendanten Karl Holzammer abwärts hatten dementsprechend Angst vor der eigenen Courage, andererseits trauten sie sich was und traten damit einen Wirbel los, den niemand, ich auch nicht, vorhergesehen hatte.

Was war passiert? Ich hatte mich auf den seit Fernseh-Urzeiten Männern vorbehaltenen Stuhl im geheiligten Nachrichtenstudio gesetzt und vorgelesen, was andere mir aufgeschrieben hatten. Das war’s. Hätte ich, ausgewiesene ZDF-Redakteurin, die seit sechs oder sieben Jahren ihre eigenen Sätze in die Kamera sprach, auch nur ein Wort geändert, meinetwegen lediglich zum Wohle der Grammatik: Es hätte Krieg gegeben. Wenn schon »trauen«, dann bitte mit Sicherheitsgurt.

Wie bin ich auf diesen Stuhl geraten? Die Pressemeldung des ZDF zu meinem Dienstbeginn beschrieb mich als journalistisches Wunder. Was ich alles studiert hätte (ich habe nie ein Examen gemacht), wie viele Sprachen ich spräche (vier, in Spanisch aber war es nur ein Stenokurs), Diplomatenkind, weit gereist, politisch versiert (nun denn!), Buchveröffentlichungen (ich hatte meine Töchter zu Geld gemacht und ein Babybuch geschrieben, außerdem ein Fremdwörterlexikon), kameraerfahren (stimmt – alles und jedes hatte ich moderiert) und, und, und. Anderthalb Seiten bange Rechtfertigung seitens des Senders. Die Kollegen Sprecher hatten jeweils nur Zehnzeiler bekommen. Aber die konnten sprechen. Das konnte ich nicht, jedenfalls nicht anderer Leute Texte.

»Denen stehlen wir die Show«, hieß es bei den Herren in Wiesbaden

Ich versprach mich immerzu. Nicht so oft wie später Ulrich Wickert, aber es war mindestens so ärgerlich. Ich bekam Sprechunterricht, das hat am meisten Spaß gemacht. Da lernte ich, Sätze im Ganzen zu erfassen, Inhalte zu transportieren statt Wörtern, »ökonomisch« zu atmen, nicht am Text zu kleben (es gab noch keine Teleprompter). Trotzdem – wie kam ausgerechnet ich auf diesen Stuhl? Zufall. Ich war gerade in der Gegend.

Die Gegend war Wiesbaden, wo das ZDF zu jener Zeit residierte. Ich lebte in Hamburg – der Zufall hatte sich anstrengen müssen. Wir reden hier von der noch überschaubaren Zeit beim ZDF. In den Anfangsjahren haben wir alle alles gemacht, der Kreativität waren kaum Grenzen gesetzt. Jeder kannte jeden, und es fing damals erst an mit der öffentlich-rechtlichen Verkrustung. Meine Festanstellung als Redakteurin im Hamburger Studio hatte ich aufgegeben, nachdem die Töchter geboren worden waren, und natürlich war das Hausfrauendasein nicht auszuhalten gewesen. Ich machte weiter Filme, und einen hatte ich gerade nach Wiesbaden zur Abnahme getragen, als die Nachricht durchsickerte: Die ARD plante, dem »Mr. Tagesschau« Karl-Heinz Köpcke eine Frau an die Seite zu stellen.

Historische Momente aus 60 Jahren Bundesrepublik © Barbara Sax/AFP/Getty Images

»Das können wir schneller«, sprachen die versammelten Herren des ZDF – Chefredakteur, Hauptabteilungsleiter, Nachrichtenchefs und so weiter. Schon damals tat sich die ARD schwer mit schnellen Beschlüssen. Alle Anstalten müssen gefragt werden – ich habe das später erlebt, wie sich solche Entscheidungen hinziehen. »Denen stehlen wir die Show«, hieß es jetzt in Wiesbaden. Ich saß dabei als einzige Frau – so war das damals, meistens. Aber ich war keine Sprecherin und folglich arglos. Hanns-Joachim Friedrichs bündelte die Aufmerksamkeit in meine Richtung: »Du machst das, oder?«