Ein "Zufallsfund" ist vermeldet worden. Aber hätte der Fund auch eher gemacht werden können? Wie nebenbei tauchten die Stasi-Unterlagen zu Karl-Heinz Kurras auf, die einen Wendepunkt der bundesdeutschen Geschichte in neuem Licht erscheinen lassen. Auf die 17-bändige IM-Akte stieß Cornelia Jabs, eine junge Mitarbeiterin der Forschungsabteilung der Birthler-Behörde, als sie eigentlich über Todesopfer der Berliner Mauer recherchierte. In einer internen Datenbank über die Archivbestände der Behörde war ein Tonband verzeichnet, das Informationen zu Mauertoten enthalten sollte, dazu ein Aktenzeichen: "GH 2/70".

Das Kürzel steht für eine "Geheime Ablage", für Unterlagen also, die selbst innerhalb der Stasi unter Verschluss waren. Jabs wurde neugierig, ließ die Akten aus dem Archiv kommen – und bekam statt Material über Maueropfer die "Personalakte eines Inoffiziellen Mitarbeiters" der Stasi-Bezirksverwaltung "Groß-Berlin" zu Gesicht, ebenjene von Karl-Heinz Kurras. Als sie diese ihrem Kollegen Helmut Müller-Enbergs zeigte, der seit Jahren über die Westarbeit der Stasi forscht, war der elektrisiert. Es scheint, als habe niemand außer ihm wirklich überblickt, welche Brisanz der sechs Seiten lange Aufsatz über die Akte barg, der diese Woche in der kleinen Zeitschrift Deutschland-Archiv erschienen ist. Jedenfalls war, als die Sache Ende vergangener Woche publik wurde, der Pressesprecher der Behörde in Kurzurlaub. Und Marianne Birthler brauchte mehrere Tage, um sich irgendwie zu äußern.

Dreierlei zeigt der Fall Kurras. Erstens: welch große Überraschungen Stasi-Akten auch heute noch bergen können. Zweitens: welche Defizite es in der Birthler-Behörde gibt. Drittens: wie wenig sich die westdeutsche Öffentlichkeit bisher für ihre eigenen Stasi-Verstrickungen interessiert. Ironischerweise hat just jener Forscher den spektakulären Fund an die Öffentlichkeit gebracht, der im Frühjahr 2005 von der Behördenspitze bei Recherchen zu Stasi-Informanten im Bundestag der sechziger und siebziger Jahre ausgebremst worden war (ZEIT Nr. 14/09). Die Akte Kurras belegt, dass die Mitarbeiter der Forschungsabteilung wie Perlentaucher in den teilweise immer noch unerschlossenen Archiven der Birthler-Behörde wirken könnten – wenn man sie denn ließe.

Nach 1989 wurde bisweilen exzessiv über die Akten von Ostdeutschen geredet. In den neuen Ländern wurden nach der Wiedervereinigung sämtliche Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes "gegauckt", zum Teil mehrfach. Und im Westen? Da passierte nichts dergleichen. Lediglich gegen rund 3000 Bundesbürger wurden nach der Wiedervereinigung Spionage-Ermittlungen eingeleitet, nur gut ein Zehntel davon führte zur Verurteilung. Nach Expertenschätzung sind noch heute mehrere Tausend Ex-Stasispitzel in der alten Bundesrepublik nicht enttarnt. Strafrechtlich von Interesse sind sie nicht mehr, für Wissenschaftler wären sie allemal aufschlussreich.

Und kaum etwas böte sich für derartige Studien so sehr an – auf verquere Art weist der Fall Kurras da in die richtige Richtung – wie die Geschichte der radikalen Linken in den sechziger und siebziger Jahren. Denn die Stasi mischte von Anfang an mit, als in der jungen Bundesrepublik die Studentenbewegung ins Rollen kam. "Unsere unterwanderten Jahre" nannte der 68er-Chronist Wolfgang Kraushaar rückblickend jene Zeit. Der Historiker Hubertus Knabe widmete der Studentenbewegung in seinem Buch Die unterwanderte Republik ein ausführliches Kapitel. Er blättert auf, dass an etlichen Schaltstellen der Studentenbewegung IM saßen und "Kontaktpersonen" dem MfS wissentlich oder unwissentlich zu Diensten waren. Allein in der Westberliner Apo, so Knabe, verfügte die Stasi 1969 über mehr als zwei Dutzend Informanten.

Am SDS allerdings scheiterte der Geheimdienst, denn dort setzte sich die undogmatische und antiautoritäre Fraktion durch. Mit Leuten, die Torten warfen, konnten ostdeutsche Tschekisten wenig anfangen. Jemanden wie Rudi Dutschke, der offen mit dem Prager Frühling sympathisierte und vom "Scheißsozialismus in der DDR" sprach, nahm die Stasi sogar als ernste Bedrohung war. Die SED verlegte sich in der Folgezeit auf die Gründung eigener Organisationen im Westen, um das Protestpotenzial aufzufangen und zu instrumentalisieren, etwa die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) oder die sogenannten Republikanischen Clubs. Auch Zeitungen und Verlage wurden mit Geld aus Ostberlin aufgemacht. All das könnte man als alte Kamellen abtun, hätten sich nicht aus den linksradikalen Gruppen und Grüppchen jener Jahre Teile der späteren BRD-Elite rekrutiert.

Keine Partei erforschte bisher systematisch ihre Stasi-Vergangenheit

Reihenweise warb die Stasi Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre sogenannte Perspektiv-IM (PIM), das waren junge Leute, die damals noch völlig uninteressant waren für den Geheimdienst, aber irgendwann für Einsätze "in feindlichen Objekten" infrage kommen sollten. Der spätere Nato-Topspion "Topas" etwa wurde 1968 als Student in Mainz nach einer Demonstration gegen die Notstandsgesetze von einem Werber zur Gulaschsuppe eingeladen. "Aufgrund der noch ungenügenden Lebenserfahrung", heißt es explizit in einer Stasi-Richtlinie von 1968, böten sich günstige Erziehungs- und Lenkungschancen.