Siebzig Jahre nach dem Krieg sind Deutsche und Polen – Meinungsumfragen zufolge – einander gleichgültiger geworden. Es mag am Gezänk um das "sichtbare Zeichen" gegen Vertreibungen oder um die Ostseepipeline liegen, vor allem aber am Generationswechsel in beiden Ländern. Die Enkel der Kriegsgeneration, die in beiden Ländern zunehmend den Ton angeben, sind verständlicherweise weit von der Romantik des historischen Umbruchs der vergangenen Jahrzehnte entfernt. Auch das annus mirabilis 1989 gehört nicht zu ihrer unmittelbaren Erfahrung. Ob Lukas Podolski oder Steffen Möller – die beiden mögen medial zu Emblemen einer ungezwungenen Nachbarschaft geworden sein, doch eine eigene Sprache für das deutsch-polnische Einvernehmen im sich vereinigenden Europa haben ihre Altersgenossen noch nicht gefunden.

Einen Beweis dafür lieferte gerade Grzegorz Jankowski, der Chef von Fact , einer polnischen "Bild-Zeitung". Er bestritt in der Welt jegliche deutsch-polnische Interessengemeinschaft, und als Vertreter der Anklage erkor er sich einen amerikanischen Futurologen, der für 2050 gar einen deutsch-polnischen Waffengang für möglich hält. Polen werde dann eine amerikatreue lokale Großmacht sein, während der unsichere deutsche Kantonist den schwächelnden USA in Polen in den Rücken fallen werde. Nun leben die Brutalos der Revolverblätter nicht von sachlichen Analysen, sondern von Vorurteilen und Vereinfachungen. Die hanebüchenen Thesen des Fakt- Chefs verhöhnten dessen deutsche Leser auch prompt als Selbstbefriedigung eines Neurotikers, der sich größer, stärker und schöner wünscht, als er ist.

Doch auch Deutsche leiden an einer Geschichtsneurose, die sie mitunter zur Suche nach Entlastung für den "in deutschem Namen" verübten Völkermord verleitet. Die ausländischen SS-Helfer wie der Ukrainer Demjanjuk "europäisieren" die Schuldfrage, verkündet bildhaft der Spiegel. Diese Botschaft kaschieren die verbalen Rückversicherungen im Text nur notdürftig. Und erneut empört man sich in Polen über die deutsche "Selbstentschuldung". Selbstverständlich trügen die Kollaborateure eine Mitschuld. Doch sie seien Produkte einerseits eines Mordsystems, das in Berlin entworfen wurde, andererseits der Demoralisierung durch den stalinistischen Terror in den Gebieten, die infolge des Hitler-Stalin-Paktes 1939 von der UdSSR annektiert wurden.

Deutsche und Polen brauchen eine gemeinsame Geschichtstherapie und machen sie auch trotz allem, gelegentlich sogar recht erfolgreich. Das belegen zwei Berliner Ausstellungen. Die eine, Wir Berliner, zeigt – unter den Fittichen des polnischen Zentrums für Historische Forschung – die zweihundertjährige polnische Präsenz in Berlin. Nicht nur die der Radziwiłłs, in deren Palais Bismarck amtierte, oder jener polnischen Division, die im Mai 1945 an der Seite der Roten Armee Berlin miteroberte, sondern auch die jener Berliner Übersetzer, Schriftsteller und Künstler, die Polen für sich entdeckten und zu Brückenbauern des Dialogs wurden.

Die zweite Ausstellung, Deutsche und Polen, wurde gerade im Deutschen Historischen Museum eröffnet. Sie lässt 200 Jahre der vertrackten Nachbarschaft Revue passieren. Für die Vorkriegszeit mag der Blickkontakt zwischen den Bronzefiguren Bismarcks und Piłsudskis bezeichnend sein. Die Jahre 1939 bis 1945 zeigen Dokumente der barbarischen Besatzung Polens im Krieg und des Widerstands mit seinen beiden Höhepunkten: dem Ghettoaufstand 1943 und dem Warschauer Aufstand 1944. Für die Nachkriegszeit sind die Folgen der rücksichtslosen Westverschiebung Polens der wichtigste Erzählfaden: die Flucht und Vertreibung der Deutschen, die Ansiedlung der polnischen Vertriebenen aus dem Osten und der aus dem Westen zurückkehrenden Zwangsarbeiter, dann die ersten Annäherungsschritte, die zur Anerkennung der Grenze führten, schließlich die Eruption der Solidarność 1980 und ihr Beitrag zur Vereinigung Deutschlands und zur deutsch-polnischen Interessengemeinschaft des Jahres 1989.

Beide Ausstellungen sind mehr als nur eine Kulisse für die anstehenden Gedenkfeiern. Man kann sie auch als Generalproben für eine große Ausstellung über die tausendjährige deutsch-polnische Nachbarschaft ansehen, die für die Monate der ersten polnischen EU-Präsidentschaft 2011 avisiert wird. Zugleich sind sie ein wirklich sichtbares Zeichen dafür, dass die Musealisierung selbst der tragischen Phasen der deutsch-polnischen Geschichte gar kein Stein des Anstoßes sein muss.

Der Autor ist Redakteur der polnischen Wochenzeitung "Polityka"