Dieser Mann ist eine Zumutung. Stell dir vor, der Tag geht, die Feierabendsoaps kommen, hinter den Fenstern der Häuser beginnen die Lichtlein zu leuchten. Gleich werden die Füße hochgelegt, pünktlich zu den Acht-Uhr-Nachrichten, wenn die Familie sich um ihr elektronisches Lagerfeuer schart. Einer aber streift noch immer unbehaust ums Gelände, ein klapperdürres Wesen mit Haaren im Gesicht, dessen Geheul nachts in die Schlafzimmer dringt, den Kindern zum Grusel und den Erwachsenen zur Mahnung.

Der Mann – er heißt Mark Oliver Everett, bevorzugt als Künstler jedoch die Schrumpfform "E" – hätte es manchmal auch gern gemütlich. Oft genug wollte er sesshaft werden, er hat an den Scheiben gekratzt und Einlass begehrt. Doch immer wenn er in die bürgerliche Haut zu schlüpfen versuchte, begannen ihm Krallen zu wachsen, und am Ende lautete das Urteil: nicht resozialisierbar. Wenn man Mark Oliver Everett gegenübersitzt, versteht man auch, warum. So wie er sieht man nicht aus, wenn man um jeden Preis dazugehören möchte. So wie Mark Oliver Everett sieht man aus, wenn man den Menschen ein Wolf ist.

Den Kopf der Band Eels einfach als das nehmen, was er ist, ein erfolgreicher Songwriter aus Amerika, das geht beim besten Willen nicht. Es ist eine Wiedergängerfigur, die an diesem Frühlingstag in London die Presse empfängt. In Scharen sind sie angereist, um die Lage zu sondieren, Hipster mit Umhängetaschen und modischen Sneakern, wir bewegen uns schließlich noch immer in der weiten Welt des Pop. Drinnen in der Höhle von Hotelzimmer aber haust ein Schrat. Sein Eremitenkörper steckt in etwas, das wie ein alter Soldatenmantel aussieht. Den Blick hält er hinter einer Hornbrille verborgen. Was an Antworten aus seinem gewaltigen Bart hervorkommt, ist von erlesener Einsilbigkeit.

Das Herz des Höhlenbewohners schlägt für die Ungeliebten

Nein, verheiratet ist er nicht mehr, sagt Everett. Ja, die Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde kennt er auch, je mehr er zum einen tendiert, desto mehr läuft es auf den anderen hinaus. Die Idee zu seinem jüngsten Album kam ihm eines Morgens beim Blick in den Spiegel, ein Selbstbildnis, wenn man so will, doch verteilt auf mehrere Rollen. Auf Hombre Lobo – Untertitel "12 Songs Of Desire" – begegnen wir dem Wölfischen in all seinen Varianten: Ein Outsider will nach drinnen, ein Preisboxer kämpft den Kampf seines Lebens, ein hilflos Liebender verzweifelt über dem leisen Lachen am Ohr eines anderen. In allen steckt ein Stück everettsches Seelendrama, doch ein Happy End gibt es für keinen. "Got a hurt inside that I just gotta heal": Mark Oliver Everetts Herz schlägt für die Ungeliebten.

Vielleicht kommt das davon, wenn man als Sohn eines Quantenmechanikers und einer Lyrikerin in einem gottverlassenen Kaff in Virginia aufwächst. Everetts Vater war Hugh Everett III, Militärberater unter McNamara und Schöpfer einer Theorie, derzufolge die Welt sich in zwei oder mehrere Paralleluniversen aufspaltet. Ein kühner gedanklicher Entwurf, der heute weithin anerkannt ist, in der Wissenschaft der Fünfziger aber wenig Freunde fand. Everett senior zog sich rauchend, trinkend und schweigend in sein eigenes Paralleluniversum zurück, wo er 1982 an einem Herzinfarkt verstarb. Dass Vater und Sohn sich beim Reanimationsversuch erstmals körperlich nahekamen, ist nicht das Traurigste an der Geschichte. "Am schlimmsten war, wie sie meinen Vater in einen schwarzen Sack steckten, sie trugen ihn einfach in dem Sack hinaus, der durchhing wie eine Mülltüte."