Es ist 7.17 Uhr am 13. Oktober des vergangenen Jahres, als James Wilkinson, Stabschef des damaligen amerikanischen Finanzministers Henry ("Hank") Paulson, eine E-Mail abschickt. Inhalt: ein Hilferuf. Empfänger: Dan Jester, David Nason und Jeremiah Norton, die Bankenexperten im Ministerium. Ob ihm jemand sagen könne, wer die "Big 9", die Großen 9 seien, fragt James Wilkinson, "um welche Unternehmen geht es genau?".

Es geht um JPMorgan Chase, Bank of America, Citigroup, Wells Fargo, Bank of New York, State Street, Goldman Sachs, Morgan Stanley und Merrill Lynch – die mächtigsten Finanzkonzerne der Vereinigten Staaten.

Um 7.29 Uhr schickt Norton eine Liste mit den Namen an Wilkinson – eine der spektakulärsten Episoden in der amerikanischen Wirtschaftspolitik beginnt. "3.00 p.m.: Treffen mit den Vorstandsvorsitzenden von Finanzinstituten", heißt es an diesem Tag lapidar in Paulsons Terminkalender. Doch was sich in den kommenden Stunden in der Treasury, dem amerikanischen Finanzministerium an der Pennsylvania Avenue in Washington, abspielen wird, hat historische Dimensionen.

Paulson zitiert die Herren des Geldes in sein Ministerium, um ihnen Staatskapital aufzudrängen. Per Dekret werden die wichtigsten Banken der Vereinigten Staaten praktisch nationalisiert, der Staat hat das Sagen an der Wall Street – ein Staat, der den Banken doch bisher fast alle Wünsche erfüllt hatte, der alle internationalen Anläufe gestoppt hatte, den Finanzsektor strenger zu regulieren. Auf Druck von Judicial Watch, einer Organisation, die für mehr Transparenz kämpft, hat die neue US-Regierung bislang vertrauliche E-Mails, Gesprächsnotizen und Dokumente freigegeben.

So lässt sich ein Tag rekonstruieren, der sinnbildlich dafür steht, wie die Regierungen rund um den Globus um die richtige Antwort auf die Jahrhundertkrise ringen. Wie sie unter dem Druck der Ereignisse ihre bisherigen Prinzipien und Überzeugungen opfern und weitreichende Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen bis jetzt kaum abzuschätzen sind. Ein Tag, der auch zeigt, wie eine Regierungsmaschinerie unter Extrembedingungen funktioniert.

In jenen Wochen im Oktober steht die Welt am Abgrund. Die Aktienmärkte brechen ein, die Banken wanken, der Zahlungsverkehr droht auszufallen, ein Hauch von 1929 liegt in der Luft. Am 10.Oktober einigen sich die Finanzminister und Notenbankchefs der führenden Industrienationen bei einem dramatischen Treffen, das Kreditgewerbe mit milliardenschweren Rettungsprogrammen vor dem Untergang zu bewahren.