Für den Industriestandort Amerika käme es einem Erdbeben gleich, und die Schockwellen würden auch in Deutschland und vielen anderen Ländern rund um den Globus tiefe Spuren hinterlassen. Es geht um den Niedergang, die wahrscheinliche Insolvenz von General Motors, kurz GM. Jenem Automobilkonzern, der bis vor zwei Jahren mehr Autos produzierte als jeder andere Hersteller. Einen gigantischen Schuldenberg von 60 Milliarden Dollar haben die Manager in Detroit geschaffen, und es ist unwahrscheinlich, dass General Motors die Summe je wird tilgen können. Im vergangenen Jahr fuhr das Unternehmen einen Rekordverlust von 30,9 Milliarden Dollar ein, und in den ersten drei Monaten dieses Jahres verlor es erneut 5,9 Milliarden Dollar. Der Umsatz halbierte sich.

Längst hängt der Konzern am Tropf des Staates. Mehr als 19 Milliarden Dollar an Krediten aus Washington hat GM bereits bekommen. Weitere Milliarden würden in diesem Jahr gebraucht, haben die Manager ausgerechnet. Auch weil es nicht gelungen ist, mit den Gläubigern von GM einen Schuldenerlass auszuhandeln. Inzwischen hat der Konzern angekündigt, die am 1. Juni fälligen Zahlungen an seine Anleiheninhaber zu verweigern.

Die Insolvenz ist zu erwarten – und sie ist ein unerhörtes Wagnis. Denn es sieht so aus, als wollten Präsident Obama und sein Autoteam eine Art Instant-Insolvenz durchziehen: Das hieße, die "Good Bank/Bad Bank"-Formel von den Finanzmärkten auf die Autoindustrie zu übertragen. Möglich macht das eine wenig bekannte Vorschrift des US-Konkursrechts, die einen "Notverkauf" der attraktiven und funktionierenden Geschäftsteile erlaubt. Die Altlasten verbleiben dabei in der insolventen Hülle und werden nach und nach abgewickelt. Vorbild ist unter anderem Lehman Brothers. Die Investmentbank musste im vergangenen September über Nacht Insolvenz anmelden. Schon am nächsten Tag war der Verkauf großer Teile an andere Banken perfekt. Der Insolvenzverwalter wickelt derzeit den unverkäuflichen Rest ab. Wie ernst es der Regierung mit der Idee einer Instant-Insolvenz ist, lässt die Pflichtmitteilung von GM an die Börsenaufsicht aus der vorvergangenen Woche erkennen.

Allerdings, General Motors ist keine mittelgroße Investmentbank. Dieses Mal sind Hunderttausende von Jobs direkt bedroht, es geht um die Zukunft einer ganzen Industrie, und insofern ist eine Regierung der USA selten ein derartiges wirtschaftspolitisches Wagnis eingegangen. "Mit GM schwinden die letzten guten Jobs für Arbeiter und unser Selbstvertrauen in unsere Fähigkeiten als Industrienation", sagt der Arbeitsforscher Gary Chaison von der Clark University in Massachusetts. Zudem besteht ein sehr konkretes Risiko: Misslingt Obamas Plan, in kurzer Frist einen neuen, funktionsfähigen GM-Rumpfkonzern zu schaffen, droht eine noch tiefere Rezession im ganzen Land. Schließlich wirkt sich das Schicksal des Autobauers über ein dichtes Netz von Händlern und Zulieferern bis in die kleinsten Gemeinden des Landes aus. Und ebenso auf die weltweit verbundenen Tochterunternehmen wie Opel in Deutschland.

Um die Motive der Regierung zu verstehen, hilft ein Blick auf das normale US-Konkursrecht. Nach dem sogenannten Chapter 11 können insolvente Unternehmen weiter ihren täglichen Geschäften nachgehen. Die Gläubiger müssen sich derweil unter Führung eines Konkursrichters darüber einigen, wie die Neuordnung aussehen soll und wie die Ausfälle verteilt werden. Doch in der Praxis kann das schnell zu einem kaum kontrollierbaren, komplizierten Unterfangen werden. Je größer die Anzahl der Beteiligten, desto langwieriger der Prozess. GM wäre auch in dieser Hinsicht ein Rekordfall. Die Zahl der Gläubiger geht in die Zehntausende, darunter sind internationale Anleger, Pensionskassen, Gewerkschaften, Hedgefonds, aber auch kleine Rentner. GM hat Verpflichtungen gegenüber Gewerkschaften und Gemeinden. Ausländische Regierungen pochen auf Zusagen. Sie alle würden – unterstützt von Hunderten von Anwälten, Beratern und Experten – versuchen, das meiste für sich herauszuschlagen. "Ein Albtraum!", warnen Konkursrechtler und Brancheninsider.

Die Kundschaft fürchtet schon um Wartung und Garantieleistung

Als abschreckendes Beispiel gilt Delphi. Der einst weltgrößte Zulieferer – eine ehemalige GM-Tochter – musste im Jahr 2005 Insolvenz anmelden. Weil sich die Beteiligten nicht einigen können, hängt das Unternehmen nun seit vier Jahren im Konkursverfahren fest. Nach einer Studie des Bundesstaates Michigan, in dem Detroit liegt, hat die Insolvenz bereits mehr als zehn Milliarden Dollar gekostet. Schon jetzt gaben Autokäufer in einer Umfrage an, Modelle von Chrysler und GM zu meiden, weil sie um Wartung und Garantien für die Autos fürchteten.