Die Filme des österreichischen Regisseurs Michael Haneke schneiden dem Publikum nicht ins Fleisch, sie schneiden ihm in die Knochen. Sie kennen keine Gnade, sie quälen die zivilisierte Seele, und in Funny Games ist der Zuschauer froh, wenn er mit dem Leben davonkommt. Haneke lockt alle in die Falle, niemand darf entkommen, niemand darf Hoffnung schöpfen. "Ich will den Zuschauer zwingen, sich zu wehren." Denn nur wer sich gegen Hanekes Filme wehrt, der wehrt sich gegen die Welt, von der sie handeln.

Hanekes Filme erzählen alle möglichen Geschichten, doch alle haben denselben schwarzen Kern. Eine Familie verschwindet einfach aus der Welt und löscht sich aus (Der siebente Kontinent). Ein Schüler tötet ein Mädchen mit einem Bolzenschussgerät, so wie man Schweine schlachtet (Benny’s Video). Zwei adrette Wohlstandsbürschchen foltern Urlauber zu Tode und morden, weil sie morden wollen (Funny Games). Anonyme Drohvideos erinnern einen Literaturredakteur an eine verdrängte Schuld (Caché). Ein blitzsauberes Dorf im deutschen Kaiserreich erweist sich als Brutstätte von Grausamkeit und Niedertracht, so wie in dem Film Das weiße Band, der nun in Cannes ausgezeichnet wurde. Alle Geschichten sind grundverschieden, aber alle sind von identischer Unerbittlichkeit. Sie kreisen um Angst und Schuld, um Vergessen und Verdrängen und vor allem: um eine Gewalt, die nicht aus dem Dunklen kommt, sondern aus dem Hellen, aus dem Gewöhnlichen. Die Weltmeister des Schmähs, die Wiener Boulevardmedien, haben Haneke dafür verfolgt und gehasst. Sie warfen ihm Nihilismus vor, Gewaltverklärung und alles zusammen: "Wo bleibt das Positive?"

Michael Haneke, 1942 in München als Sohn eines deutschen Regisseurs und einer österreichischen Schauspielerin geboren, wuchs in der Nähe von Wien auf, wollte zunächst protestantischer Pfarrer werden, bewarb sich dann lieber am Wiener Burgtheater – und fiel mit Pauken und Trompeten durch. Dann studierte er Theaterwissenschaften, fand’s langweilig, hockte lieber bei den Philosophen im Seminar, verschlang Sartre und Camus und verliebte sich nebenbei in das französische Kino, in die Filme von Godard und Truffaut. Nach dem Studium wurde er 1967 Fernsehspieldramaturg beim Südwestfunk Baden-Baden, damals war dort Platz für freie Gedanken und von Quoten nicht die Rede. Nebenbei inszenierte Haneke am Theater; gut zehn Jahre später gelang ihm mit dem Fernsehfilm Lemminge (1979) der Durchbruch.

In dem Zweiteiler ist alles schon da, das Inständige, das Dunkle und Ausweglose. Lemminge ist von großer epischer Traurigkeit, denn die Jugendlichen, die vom Aufbruch träumen, kommen nicht vom Fleck, sie kommen nicht frei, weil sie von der Schuldgeschichte ihrer Eltern an die Vergangenheit gekettet werden. So ist es oft bei Haneke, eigentlich immer. Seine Figuren sind unfreie Freie, sie sind Internierte im Zivilisationskäfig, und nur im Schmerz kommen sie zusammen. Zuweilen ist das Leben aber schon vorher zu Ende, wie in den 71 Fragmenten einer Chronologie des Zufalls, wo die Erzählstränge erst parallel laufen, bis die Hauptpersonen bei einem Banküberfall erschossen werden. Plötzlich ist alles von trostloser Endgültigkeit, es bleibt nur das Versäumte, eine unterlassene Geste, ein nicht gesagtes Wort, eine nicht abgetragene Schuld, ein Nie-Wieder.

Große Bitternis liegt über diesen Filmen, und wenn die Figuren nicht achtlos aneinander vorüber gleiten, dann liegen sie miteinander im Krieg. Zivilisiertes Europa? Haneke inszeniert Kampfzonen mit sinnloser Zwietracht und sinnlosem Opfer. Es gibt, wie in Code Inconnu , den "großen" Krieg auf dem Balkan, der den "kleinen" Krieg in den Metropolen nährt. Ein unerklärter Krieg tobt auch im Subjekt, dessen größter Gegner die Angst ist, sein Luxuselend, all das Erreichte und rücksichtslos Erkämpfte, wieder zu verlieren. "Was tut man nicht alles, um nichts zu verlieren", sagt der Literaturmensch in Caché, zieht die Vorhänge zu und sinkt in sich zusammen.

Haneke ist ein politischer Künstler, aber anders, als die Konvention sich dies ausmalt. Für ihn ist die moderne Gesellschaft eine große Beschwichtigungs-Höhle, eine politisch gewollte Lebensversäumnis-Anstalt, randvoll mit untragischen Trauerspielen. Erst wenn uns diese Gesellschaft im Film unheimlich wird, können wir erkennen, wie falsch sie ist. "Wir leben ein Leben, das nicht das Leben ist, was wir wollen. Wir haben vergessen, was wir eigentlich wollen, und zwar aufgrund unserer selbst geschaffenen Zwänge." Aus solchen Sätzen spricht nicht nur der linke Existenzialist; daraus spricht – wie bei Eric Rohmer – eine lange Liebe zu dem französischen Philosophen Blaise Pascal. Hanekes frühe Filme wimmeln von Anspielungen auf Pascals Pensées, und die Losung lautet denn auch "Wir sind eingeschifft", das heißt: Auf dem Schiff der Moderne sind wir allein auf hoher See, wir sind verantwortlich, es gibt keine mildernden Umstände, wir haben nur dieses eine Leben und kein anderes. Wie ein Ethnologe betrachtet Haneke deshalb ein Gemeinwesen, das sich, wie in Benny’s Video, den Blick auf das Dasein mit Apparaturen verstellt oder das, wie im Siebenten Kontinent, sehenden Auges erblindet. Wie kann es sein, fragt er in der Klavierspielerin, dass eine Gesellschaft, die so wunderbare Kunstwerke hervorgebracht hat, so wenig von ihnen durchdrungen ist? In intellektuell aufregenderen Zeiten hätte man dies Entfremdung genannt, Haneke nennt es "Vergletscherung der Seele", Produktion von Einsamkeit oder auch: Tod im Leben.

Dass Haneke nun mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, ist großartig und doch keine Überraschung. Er ist kein "Themenregisseur", es geht ihm allein um Schönheit, und diese Schönheit besteht in der Genauigkeit, dem unnachgiebigen Blick auf die Dinge. Genauigkeit – darin liegt Hanekes Genie, und daraus schöpft er die fantastische Gabe, seine Schauspieler so spielen zu lassen, als seien sie diesseits von Spiel und Rolle, als handelten sie vom Leben selbst, von der Wahrheit und nichts anderem. Genauigkeit ist seine "Moral der Form", und erratisch ragt sie in die Weltbild-Höhle der Mediengesellschaften. Was als pure Provokation erscheint, ist für Haneke ein Akt der Empathie. Endlich soll sich der Zuschauer erkennen, endlich soll er sich wahrgenommen fühlen. "Ich bin mit Dir solidarisch, ich teile mit Dir dieselbe Angst."