DIE ZEIT: Herr Gladwell, wo kommen Sie auf Ihre Ideen? Eher im Internet oder in der Bibliothek?

Malcolm Gladwell: In der Bibliothek. Die ist dazu besser geeignet. Viel besser!

ZEIT: Warum?

Gladwell: Wenn ich in die Bibliothek gehe, weiß ich nicht unbedingt, wonach ich suche. Ich hoffe auf einen Zufallsfund. Google wurde nicht dafür geschaffen, Zufallsfunde zu ermöglichen. Google ist zu gut organisiert. Eine Bibliothek hingegen ist ein wunderschön unorganisierter Raum.

ZEIT: Was entdecken Sie da zum Beispiel?

Gladwell: Nehmen wir eine wissenschaftliche Fachzeitschrift. Sie ist ein Versuch vorsätzlicher Spontaneität. Eine Ausgabe des American Journal of Sociology ist eine Ansammlung von zehn Artikeln, die nichts miteinander zu tun haben, außer dass sie im selben Zeitraum entgegengenommen und bearbeitet wurden. Gibt es irgendeine Kombination von Suchbegriffen, die ich bei Google eingeben kann, um diese zehn Artikel in dieser Kombination angezeigt zu bekommen? Gibt es nicht, außer "Inhaltsverzeichnis American Journal of Sociology", aber das wäre ja nur eine Reproduktion des Originals. Es ist dieses Element des eingebauten Zufalls in der Bibliothek und im Gedruckten, das es online nicht gibt. Deswegen sind beide im Internetzeitalter nicht weniger wichtig, sondern noch wichtiger geworden. Plötzlich sind sie die entscheidende Alternative zur vorherrschenden Art, Information zu organisieren.

ZEIT: Das Internet erleichtert das Schwirren von einer Quelle zur Nächsten. Auch das kann doch zu zufälligen Entdeckungen führen.

Gladwell: Ich will nicht bestreiten, dass das Internet ein brillantes Hilfsmittel sein kann. Aber wer sich völlig auf das Internet beschränkt, verdammt sich zu einer gewissen Starre. Er macht sich abhängig vom Pfad, den er am Anfang seiner Suche eingeschlagen hat.

ZEIT: Sie lieben die indirekten Pfade: Vor einer Weile haben Sie einen Artikel über die Qualifikation von Lehrern angefangen mit einer längeren Geschichte über die Auswahl professioneller Quarterbacks im American Football.

Gladwell: Das war ein Trick! Wenn ich gleich mit den Lehrern angefangen hätte, hätte den Artikel niemand gelesen. Wenn man über etwas schreibt, das wichtig, aber langweilig ist, darf man nicht gleich alle Karten auf den Tisch legen.

ZEIT: Sie kombinieren oft Themen und Ideen, die zunächst scheinbar nichts miteinander zu tun haben.

Gladwell: Eine Analogie ist am nützlichsten, wenn die Phänomene so unterschiedlich wie möglich sind. Man kann natürlich sagen: Quarterbacks und Lehrer haben einfach nichts gemeinsam. Die Profiliga braucht 30 Quarterbacks, und in den Schulen brauchen wir Millionen Lehrer. Dem halte ich entgegen: Gerade weil sie so verschieden sind, ist die Analogie nützlich. Man kann sich einer Einsicht nähern, wenn man sich von einem restlos überzeugenden Argument entfernt. Man braucht dazu eine bestimmte Art von Neugier. Man muss sich etwas entspannen. Um das Nützliche zu erkennen, muss man hinwegkommen über den offensichtlichen Einwand "Quarterbacks und Lehrer haben nichts gemeinsam". Also denke ich viel darüber nach, wie ich die Leute dazu bringen kann, sich auf das Gedankenspiel einzulassen. Wenn Leser am Ende nicht mit mir übereinstimmen, stört mich das nicht.