Die guten Taten des Taxifahrers Anton Wimmer aus München entstanden nicht aus Menschenliebe, sondern aus einer Geschäftsidee. Er sicherte sich vor gut acht Jahren die Internetadressen handyverloren.de, handygefunden.de und handyregistrieren.de, weil er glaubte, wenn sich diese Adressen herumsprechen würden, wären sie die ideale Börse, um in Deutschland verlorene Handys an ihre Besitzer zurückzugeben. Und irgendwann, so die Hoffnung, würde ihm ein Telefonunternehmen viel Geld bieten, um die Adressen zu kaufen. Leider ist es dazu nicht gekommen. Und deshalb muss Anton Wimmer weiterhin Taxi fahren. Aber im Internet ist eine Idee entstanden, die Gutes bewirkt, auch wenn sie gar nicht gut gemeint war.

Anton Wimmer betreibt die Seite, wenn auch mit geringem Aufwand, inzwischen ehrenamtlich. Ehrenamt, das klingt nach Schriftführer und Kassenwart. Viele Menschen wollen kein Amt mehr und keine Ehre. Sie möchten sich nicht binden an eine Tätigkeit, die sie verpflichtet, jeden dritten Abend, sagen wir: Sanitäter zu sein. Aber ein bisschen Gutes tun will der Mensch ja vielleicht doch. Das Internet macht es ihm einfach.

Anton Wimmer ist nicht allein. User schreiben Einträge in Foren, um Fremden bei der Handhabung ihrer Videokameras zu helfen (www.slashcam.de). Andere fahren mit ihrem GPS-Handy Straßen ab, um das Projekt Openmap (www.openmap.org) zu unterstützen, eine nichtkommerzielle Konkurrenz zu Google Maps. Wieder andere stellen Speicherplatz ihrer Festplatte umsonst an Forscher ab, die damit Rechenaufgaben bewältigen, die sie allein nie lösen könnten. Und in England gibt ein Ärzte-Ehepaar per Webcam Tipps, wie Kollegen in Bangladesch ihre Patienten behandeln können.

Ich helfe meinem Nächsten im Netz, und der hilft mir – das ist der Grundsatz der digitalen Religion, die immer mehr Anhänger findet. Das Netz ist so etwas wie eine Karma-Bank. Man zahlt, auch mit sehr kleinen Beiträgen, auf ein Konto des guten Gewissens ein, um sich dann die Zinsen auszahlen zu lassen. Weil das Internet ein anonymer Ort ist, wächst gerade hier die Sehnsucht nach Geborgenheit – und nach Sinn. Und diesen schaffen sich die digitalen Samariter selbst.

Über einen besonders schönen Fall dieses Phänomens berichtete kürzlich die New York Times . Eine junge Frau fand in Schottland eine Digitalkamera, von der sie glaubte, sie müsse einem frisch verheirateten Paar gehören. Die Frau stellte einige Dutzend der Hochzeits- und Urlaubsfotos auf die Internetseite flickr.com und fand über Umwege nach einigen Monaten den Besitzer der Kamera. Der war zwar nicht auf Hochzeitsreise gewesen, bedankte sich aber artig für die Kamera, die er längst vergessen hatte. Allerdings, ließ er die Frau wissen, finde er es "ein wenig beängstigend", dass er aufgrund von Urlaubsfotos ausfindig gemacht worden war. Manchmal gilt auch für das digitale Samaritertum, dass gut gemeint doch nicht unbedingt gut ist.