Zweimal schon in der Geschichte machte ihnen der deutsche Kulturmensch den Prozess. Im frühen 20. Jahrhundert ging es, wie die Literaturwissenschaftlerin Anke-Marie Lohmeier nachgewiesen hat, gegen die "Boulevardtheater, Revuen, Panoptiken, Tanzpaläste, Sportveranstaltungen, Naherholungszentren, Freizeitparks". Der damaligen Geisteselite war es zuwider, "dass in ihnen die geschmähte ›Masse Mensch‹ erstmals als Öffentlichkeit und öffentlicher Faktor sichtbar hervortrat, dass sie öffentlichen Raum besetzte und zumal jenen Teil des öffentlichen Raumes, für den sich die Intellektuellen seit jeher exklusiv zuständig fühlten: den der Kultur". Später, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, gab die Plebs den braunen Hintergrund ab, vor dem sich die deutsche Intelligenz frisch antifaschistisch gab. Wir waren’s nicht, es waren die da unten!

Heute freilich ist "der Andere", der Prolet, mit dem entsicherten Internet bewaffnet. Und der Geistesmensch steht vor dem Scherbenhaufen "einer bunten Welt von Teilöffentlichkeiten, die eine bislang klar strukturierte, von Institutionen gefilterte Öffentlichkeit ersetzt". So sieht es der Autor, und er sieht es falsch. Deutschlands demokratische Öffentlichkeit war auch "bislang" keine Akademie, kein Ministerium, keine Industrieanlage aus Rohren, Filtern, Steuerpulten. Sie ist vielmehr, und erfreulicherweise, ein Gewusel. Ein Urwald, in dessen Lichtungen, ebenso erfreulich, durchaus auch Pyramiden stehen. Ein Gelände, das genug Gelegenheit bietet, intellektuelle und andere Überraschungsangriffe zu führen.

Dass die Öffentlichkeit atomisiert werde, diese Klage wird seit einiger Zeit geführt. Sie ist älter als das Internet, und sie ist ernst zu nehmen. Öffentlichkeit dient auch dazu, gesellschaftliche Bindung zu erzeugen. Sollte Zerstreuung an die Stelle der Versammlung treten, hätte die Demokratie tatsächlich ein Problem, und die Anzeichen lassen sich nicht übersehen, denken wir nur an Spartenkanäle und Special-Interest-Journale. Doch in Wirklichkeit existiert außer dieser Tendenz ebenso gut ihr Gegenteil. Zumal im Internet. Denn neben Gaby und dem Kneipier, der sich untersteht, öffentlich zu schreiben, anstatt die für ihn vorgesehenen Realityshows zu gucken, organisiert sich im Netz sehr wohl die intellektuelle Kritik, und zwar keineswegs bloß in "Internetrandzonen". Jedem, der die geistfeindliche Zerstäubungsmacht des Internets fürchtet, seien als Gegengift Websites wie www.edge.org oder www.repid.com, www.opendemocracy.net sowie www.laviedesidees.fr und www.republique-des-lettres.fr empfohlen. Oder www.artsandlettersdaily.com.

Wer gerne herablassend schreibt, findet im Netz alles, was er braucht. Das Netz ist wie eine Stadt. Sie zu lieben, nur weil sie Schönes beherbergt, wäre nicht weniger töricht, als sie des Abschaums wegen zu verachten. Interessanter ist das Prinzip der Stadt. Sie fügt und lockert die Gesellschaft, vervielfältigt ihre Verknüpfungen und Abgrenzungen, beschleunigt den Kreislauf von Auflösung und Verdichtung. An diesem Prinzip scheiden sich die Geister. Dem Konservativen ist unwohl in einer Welt, in der nicht alles am Platz bleibt. Er hat schon die Stadt und den Asphalt gehasst, um wie viel mehr nun das Netz und die Blogs!

Dabei erlaubt gerade das Netz den Aufbau von Ordnungen durch das Zusammenwirken vieler Teilnehmer, etwa unter Facebook. Mitnichten ist es also, wie vor einer Woche in der ZEIT zu lesen war, "prinzipiell egalistisch strukturiert", ein Zeitungskiosk jedenfalls ist egalistischer. Das Netz ist ein Möglichkeitsraum, in dem nicht zuletzt die Gesetze der Ökonomie für Unterschiede sorgen, namentlich das Gesetz der Arbeitsteilung. Die Nachfrage nach Produkten spezialisierter Anbieter dürfte im Internet eher steigen. Womit wir beim Journalismus wären, dem eigentlichen Thema des hier kritisierten Textes.

Gewiss, tausend User bekommen keinen Essay zusammen, keine Reportage, keinen Kommentar und keine Glosse. Richtig auch, dass es beklagenswert unzulängliche Nachrichtenportale gibt. Das Medium muss sich erst finden, manchen Internetportalen wird es nie gelingen, da wären sie in Gesellschaft etlicher Druckerzeugnisse. Aber was soll man von dieser Theorie halten: "Attraktiv ist ein einzelner Beitrag im Internet, wenn er möglichst viele Leser findet. Attraktiv ist ein einzelner Beitrag für die Papierzeitung, wenn er ihr, im Sinne der Mischkalkulation, zu einem ansprechenden Gesamtprodukt verhilft"? Denn in der Zeitung gäbe es kostbare Beiträge, die zwar "vergleichsweise wenig Leser finden", aber "der Zeitung als Ganzes" Autorität verleihen? Falls damit die Zeitungen im Allgemeinen gemeint sind, sei ein Gang zum Kiosk empfohlen. Und falls es um die Qualitätspresse geht, so kann man im Interesse ihres Fortbestands nur wünschen, dass deren Chefredakteure noch ihrem letzten Geistesaristokraten nahelegen, bitte vergleichsweise viele Leser zu finden.

Irreführend erst recht die Behauptung, das Netz "kennt kein Zusammenwirken von Texten unterschiedlichen Anspruchs und Zuschnitts zum höheren Ganzen". Im Netz, entstanden aus Hypertext, wirken Texte zusammen wie nie zuvor. An anderer Stelle freilich wird die Sorge geäußert, dass im Netz die "geschlossene Form" verschwinde – und das, ja, das ist eine Gefahr. Keine technisch bedingte, sondern die einer falschen publizistischen Strategie. Es fließt manch ein Euro in die "Suchmaschinenoptimierung", der für die Verbesserung des Onlinejournalismus sinnvoller ausgegeben wäre. Die Versuchung, sich Klick-Orgasmen zu kaufen, ist groß; der Pfad der Tugend indes heißt "Qualität". Gerade in den Konkurrenzstürmen des Netzes ist der Aufbau von Identitäten notwendig, von Marken, von sympathischen Räumen, um Besucher zum Bleiben zu bewegen.