DIE ZEIT: Direttore Mauro, warum interessiert sich Ihre Zeitung so sehr für die Freundschaft von Silvio Berlusconi zu einer jungen Frau aus Neapel?

Ezio Mauro: Weil wir starke Widersprüche festgestellt haben zwischen der Version Berlusconis und dem, was andere Protagonisten über diese Angelegenheit erzählen. Berlusconi hat alles Mögliche erfunden: dass er das Mädchen kennt, weil ihr Vater Chauffeur des früheren Regierungschefs Bettino Craxi gewesen sei, zum Beispiel. Aber Craxis Sohn hat das sofort dementiert. Berlusconi hat daraufhin immer neue Details erzählt, die sich als unwahr erwiesen haben. Also haben wir beschlossen, den Ministerpräsidenten dazu zu befragen. Wir haben zu diesem Zweck zehn Fragen entworfen und ein Interview beantragt.

ZEIT: Was geschah mit dieser Anfrage?

Mauro: Wir haben mit Stabschef Gianni Letta gesprochen, Berlusconis engstem Mitarbeiter. Er hat uns zugesichert, die Anfrage an den Ministerpräsidenten weiterzureichen. Ich habe daraufhin eine Frist von zwei Tagen gesetzt. Die Frist ist abgelaufen, ohne dass wir eine Antwort erhalten hätten. Also haben wir die zehn Fragen ohne Antwort veröffentlicht. Berlusconis Umfeld hatte uns suggeriert, unsere Fragen vorab vorzulegen. Ich habe geantwortet: Der Ministerpräsident wird unsere Fragen erst in dem Moment kennenlernen, in dem wir sie ihm stellen.

ZEIT: Berlusconi hat Ihnen entgegnet, über seine Privatangelegenheiten müsse er nicht öffentlich Auskunft geben.

Mauro: Es ist ein Gesetz des Journalismus, die Macht zu nageln, wenn sie versucht, sich zu verstecken. Das gilt im gesamten Westen. Aber Berlusconi ist nicht daran gewöhnt. Er übt seine Macht aus, als wäre sie absolut. Es gibt wenig Privates für einen Politiker, der aus Kalkül die Grenzen zwischen politischer und privater Sphäre verwischt hat. Schon 1994, also zu Beginn seiner politischen Karriere, hat Berlusconi an alle Haushalte ein Heft mit seiner persönlichen Biografie verschicken lassen. Titel: "Eine italienische Geschichte". Zu sehen waren in großformatigen Fotos seine Häuser, seine Frau, seine Kinder. Damit nicht genug: Berlusconi hat immer seine private Seite inszeniert, er lässt sich fotografieren, er erzählt Witze. Seine eigene Frau hat an uns geschrieben, sie sei öffentlich von ihrem Mann gedemütigt worden und wolle deshalb auch eine öffentliche Entschuldigung.

ZEIT: Das war vor zwei Jahren. Damals schrieb Frau Berlusconi einen Brief an Ihre Zeitung, weil ihr Mann der heutigen Gleichberechtigungsministerin Mara Carfagna, einem früheren Aktmodell, öffentlich Komplimente gemacht hatte.

Mauro: Diesmal teilte uns Frau Berlusconi mit, ihr Ehemann frequentiere Minderjährige und sie sei besorgt um seinen Gesundheitszustand. Was, bitte, soll daran privat sein? Das ist alles von öffentlichem Belang! Und deshalb hat es der Ministerpräsident auch für nötig befunden, sich in einem zweistündigen Monolog im ersten Programm des Staatsfernsehens RAI über seine Angelegenheiten zu verbreiten. Sehen Sie, uns interessiert nicht Berlusconis Gefühlswelt. Uns interessiert, dass er die Wahrheit sagt. Und da wir den Eindruck haben, dass er die Italiener anlügt, insistieren wir weiter. Wir wollen verstehen, warum er lügt.