Wenn die ehemaligen Kollegen von der West-Berliner Polizei Karl-Heinz Kurras beschreiben sollen, fällt ihnen meist nur ein Wort ein: korrekt. In ihrem Gedächtnis ist Kurras stets akkurat gekleidet: Hose mit Bügelfalten, weißes Hemd, die Haare glatt nach hinten gelegt.

Pünktlich, unauffällig, ein Mann, der seine Aufgaben einwandfrei erledigt und Wert auf gute Manieren legt, so beschreibt ihn auch sein Führungsoffizier bei der Staatssicherheit.

Der Mann, der Benno Ohnesorg erschoss und maßgeblich die Studentenrevolte 1968 mit auslöste, zeigte beiden Seiten das Gesicht des vollendeten Biedermanns. In Ost-Berlin war er ein anerkannter Zuträger, der für seine Dienste sogar eine Waffe vom Ministerium für Staatssicherheit erhielt. In West-Berlin stieg er in die Abteilung I der Polizei auf – zuständig für politisch motivierte Straftaten, für die Aufdeckung von Ostagenten, Spionage und Überläufer. Kurras war ein Verräter, der die Verräter verriet. Eine Spitzenquelle.

Karl-Heinz Kurras ist inzwischen 81 und lebt in einem Neubau, Berlin-Spandau, vierte Etage, links. Kleine Fenster, niedrige Decken, gestutzte Rasenflächen vor dem Haus, Blumen auf den Balkonen. Sonntags dröhnen die Staubsauger bis zwölf Uhr, danach ist Mittagsruhe. Der Müll wird streng getrennt. Vorwiegend ältere Menschen wohnen hier, die viel Zeit haben, ausgiebig ihre Nachbarn zu beobachten. Jede Abweichung von der vorgesehenen Ordnung wird sofort bemerkt. Und Kurras weicht andauernd ab. Er hat einen Keller, in den er sich zurückzieht. Zu seiner Nachbarin sagt er dann, er gehe in seine "Zweitwohnung". Kurras steigt in den Keller, um zu trinken. Es kann sein, dass man ihn schon mittags nicht mehr ganz nüchtern antrifft.

Etwas muss geschehen sein seit jener Juninacht 1967. In Kurras’ IM-Akte heißt es in der Einschätzung seines Führungsoffiziers vom 3. November 1955: "Er verachtet das geistlose Leben vieler Kollegen, die dem Alkohol oder dem Kartenspiel sich ergeben." Bekannte, die ihn von früher kennen, können sich nicht daran erinnern, dass er vor 1967 besonders viel getrunken hat. Nach dem Schuss wurde er von der Berliner Polizei suspendiert und arbeitete von 1970 an bis zu seinem Ruhestand weiter im Innendienst. Klaus Hübner, der ehemalige Polizeipräsident von West-Berlin, erinnert sich, dass es regelmäßig Ärger gab: 1971 wurde Kurras betrunken auf einer Parkbank gefunden, seine Dienstwaffe steckte in der Tasche, 1977 verprügelte er einen Reporter des sterns . "Er kam mit sich selbst nicht klar", sagt Hübner und begründet dies mit den traumatischen Nachwirkungen des Schusses auf Ohnesorg. Kurras sei nicht damit fertig geworden, einen Menschen getötet zu haben. Als Kurras 1987 in Ruhestand ging, war Hübner "ganz froh, dass man dienstlich nichts mehr mit ihm zu tun hatte".

Auch die Stasi distanzierte sich nach dem 2. Juni von Kurras. In einem Auskunftsbericht vom 8. Juni 1967 schreibt sein Führungsoffizier: "Es ist zur Zeit noch schwer zu verstehen, wie dieser GM (Geheime Mitarbeiter) eine solche Handlung, auch wenn im Affekt oder durch Fahrlässigkeit hervorgerufen, begehen konnte, da sie doch ein Verbrechen darstellt." Am Ende wird vorgeschlagen, die Verbindung vorläufig abzubrechen. Bisher legen die Akten nahe, dass Kurras nach 1967 aufhörte, für die Stasi zu spitzeln. Er war nun ein Sicherheitsrisiko, er war nicht mehr korrekt.

An einem warmen Sonntagmorgen fährt Karl-Heinz Kurras mit seinem Fahrrad durch Spandau, vorbei an kleinen Einfamilienhäusern und einem Ponyhof zu seiner Wohnung. Er trägt ein weißes Hemd, eine blaue Weste darüber, die Haare hat er nach hinten gekämmt. Kurras steigt ab, Journalisten umzingeln ihn, fragen ihn, ob er bei der Stasi war, er antwortet: "Weiß nicht." Kann er sich daran erinnern, Geld bekommen zu haben, zum Schluss sollen es 500 D-Mark im Monat gewesen sein? "5000", berichtigt er. Kurz darauf sagt er wieder, er habe nie Geld bekommen. Dann grinst er und macht sich über die Reporter lustig, die seit Tagen vor seiner Haustür warten, er bezeichnet sie als "Partisanen" und bedauert, sie nicht alle in seine Wohnung einladen zu können.

Es ist wie ein Spiel mit den Journalisten, Kurras gibt etwas zu und nimmt es im nächsten Augenblick wieder zurück. Ein Gespräch ist unmöglich. Es gibt nur ein Thema, auf das Kurras heftig reagiert: Benno Ohnesorg. "Ich bin kein Mörder. Der Fall ist für mich abgeschlossen, das habe ich zu den Akten gelegt." Er geht weiter, bleibt dann doch wieder stehen, geht weiter. Am Ende schließt Kurras die Wohnungstür hinter sich, er redet mit seiner Frau, lautes Gelächter dringt in den Treppenflur. Es klingt ein wenig hysterisch, überdreht. Karl-Heinz Kurras wirkt wie ein Mann im psychischen Ausnahmezustand. Mal scheint er die Aufmerksamkeit zu genießen, mal wehrt er sie ab. Es ist nicht ganz klar, ob er begreift, was gerade um ihn herum und mit ihm geschieht.