Pedro Gamendia liebte seinen Job. Sein Leben lang hat der 55-Jährige gearbeitet. Erst als Maler, später dann, vor vier Jahren, als die Rückenbeschwerden und der Diabetes diese Arbeit nicht mehr zuließen, begann er als Hausmeister in einer der modernen Wohnsiedlungen außerhalb von Madrid.

Die Kinder der mittelständischen Familien im Wohnblock mochten ihn wegen der Lollis, die er immer in der Tasche hatte, die Erwachsenen schätzten ihn als zuverlässigen Mann, dem man im Urlaub den Wohnungsschlüssel anvertrauen konnte. Pedro Gamendia fehlen ein paar Zähne, trotzdem trug er diesen Ausdruck von Würde im Gesicht, wenn er kerzengerade mit seinem kleinen Bäuchlein und dem großen Schlüsselbund durch die Wohnsiedlung wanderte, um nach dem Rechten zu sehen – hier ein bisschen fegte, dort ein bisschen harkte.

Heute ist Pedro einer von mehr als vier Millionen Menschen, die in Spanien ohne Job sind. Das sind gut 17 Prozent der Erwerbstätigen und in der Summe mehr Arbeitslose als in Deutschland – und das, obwohl Spaniens Bevölkerung nur etwa halb so groß ist. Die Krise kostet überall in Europa Jobs, aber so stark wie auf der Iberischen Halbinsel trifft sie die Menschen nirgendwo: Von den 1,64 Millionen Menschen, die im vergangenen Jahr in der Euro-Zone ihre Arbeit verloren haben, waren 1,3 Millionen Spanier. Damit macht das Land fast 80 Prozent des Anstiegs der Arbeitslosigkeit in den Euro-Staaten aus.

Dabei sah es lange Jahre so gut aus: 2007 war die Arbeitslosenquote erstmals in der demokratischen Geschichte Spaniens unter die Acht-Prozent-Marke gerutscht. Und im Wahlkampf kündigte Premierminister José Luis Rodríguez Zapatero Anfang 2008 noch vollmundig an, in der darauffolgenden Legislaturperiode Vollbeschäftigung erreichen zu wollen. Davon spricht heute keiner mehr.

Dass die Arbeitslosenzahlen derzeit explodieren, daran ist nicht allein die Finanzkrise schuld. Was Spanien gerade erlebt, ist der Kater, der auf einen langen Rausch folgt. Einen langen Rausch des Kaufens. Als die Zinsen von der Mitte der neunziger Jahre an bis zur Einführung des Euro auf historische Tiefstände purzelten, warfen die spanischen Verbraucher und Unternehmen mit dem Geld nur so um sich. Sie bauten und kauften Häuser, deren Preise beständig stiegen, sie legten sich ein neues, größeres Auto zu, sie erwarben Firmen im In- und Ausland – und das alles finanziert mit Krediten, also auf Pump. Doch Schulden wollen bezahlt werden, und wenn das Geld dafür auf einmal fehlt, wird es sehr schnell sehr eng.

Erst erfasste die Krise die Baubranche, dann den Konsum

Ein Ende des Rausches war also zu erwarten. Ökonomen und selbst die Regierung hatten davor gewarnt. Doch das volle Ausmaß konnten auch sie nicht vorhersehen. Die internationale Finanzkrise, die die Zinsen plötzlich rasant ansteigen und die Kredite rar werden ließ, traf die Bau- und Immobilienbranche sehr viel stärker als erwartet. Plötzlich konnte niemand mehr eine Wohnung kaufen, weil es keine oder nur sehr teure Hypothekenkredite gab. Wohnungen blieben unverkauft, die Immobilienpreise sanken, die arbeitsintensive Baubranche setzte Monat für Monat Hunderttausende Arbeiter auf die Straße. Dann kroch die Krise in alle Winkel der Wirtschaft. Der Konsum brach ein, die Konkursanträge häuften sich.

"Der entscheidende Punkt ist die Arbeitslosigkeit und damit die Unsicherheit", sagt Patricia Abril, Präsidentin von McDonald’s in Spanien. "Die Leute denken, dass sie vielleicht arbeitslos werden, dass es unmöglich sein wird, eine neue Stelle zu finden, und dass sie nicht mal ihr Haus verkaufen können, wenn sie in Schwierigkeiten geraten."

Die Krise erreichte auch jene Reinigungsfirma, die Pedros Job in der Wohnsiedlung bezahlte. Von einem Tag auf den anderen war er ohne Arbeit. Der Inhaber der Firma, ein Ecuadorianer, gibt seither höchstpersönlich den Hausmeister. Pedro war nicht fest angestellt und hat somit keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Und auch um eine Abfindung kam die Firma mit einigen Tricks herum. Heute ist der 55-Jährige auf die Unterstützung seiner Kinder angewiesen. Der würdevolle Ausdruck seiner Augen ist verschwunden, er schaut fast verschämt. Seine Welt ist zusammengebrochen.

Arbeitslose wie Pedro mit geringem Bildungsstand machen in Spanien einen sehr viel höheren Anteil aus als im europäischen Durchschnitt. In der EU hat fast jeder zweite Erwerbstätige eine Berufsausbildung, in Spanien noch nicht einmal jeder vierte. Das hat auch damit zu tun, dass der Bauboom vor der Krise Heerscharen von gering qualifizierten Zuwanderern ins Land gelockt hat. Hinzu kommt, dass die Krise die Verlagerung der Arbeitsplätze ins Ausland nun beschleunigt. Bei der Einführung des Euro galt Spanien noch als Billigstandort, viele ausländische Firmen siedelten landauf, landab ihre Produktionsstätten an. Doch die Löhne sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen, während die Produktivität der Arbeiter stagnierte. Deshalb ziehen arbeitsintensive Industrien seit einiger Zeit weiter in neue Niedriglohnländer, vor allem nach Asien und Nordafrika.