Auf eines ist in Deutschland Verlass: Stellt jemand die allumfassende Krankenversorgung infrage, folgt ein Sturm der Entrüstung. So war es auch nach dem Auftritt des Präsidenten der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, vergangene Woche auf dem Deutschen Ärztetag. Dort hatte der hagere Mann unerhörterweise einmal mehr Verteilungsgerechtigkeit durch Priorisierung gefordert. Die Krankenkassen sollten nicht mehr alles erstatten, sondern nur noch solche medizinischen Behandlungen, die dringend, wichtig und kosteneffizient seien – den Rest müssten die Patienten in Zukunft selbst berappen.

Das saß. Politiker, Krankenkassenvertreter und selbst Ärzte schimpften über eine "Politik der sozialen Ausgrenzung", nannten die Forderung "einen Irrweg" und "menschenverachtend". Es waren die üblichen, naiven Reaktionen. Denn die Prioritätensetzung ist längst Alltag.

Krebskranke Kinder erfahren mehr Aufmerksamkeit und erhalten mehr Mittel für die psychologische Betreuung als herzkranke Kinder. Die Akutversorgung von Patienten wird wichtiger genommen als die Langzeitversorgung von chronisch Kranken. Und in einer aktuellen Umfrage unter 1000 Intensivstationen sagten 67 Prozent der Befragten aus, dass es bereits heute Rationierungen gebe. "Über feste Regeln zum Begrenzen oder Abbrechen einer Therapie verfügen jedoch die wenigsten Kliniken", heißt es in dem Report.

Genau diese Regeln sind dringend geboten. Nun darf dem Ärztekammerpräsidenten unterstellt werden, dass er nicht nur eine gerechtere oder bessere Gesundheitsversorgung im Blick hatte, sondern vor allem die schwindenden Einkünfte der niedergelassenen Kollegen – dennoch hat der Arzt recht. In der moralischen Fixierung auf das Wort "Priorisierung" war eine wichtige Passage seiner Rede untergegangen. In der forderte Hoppe die Einrichtung eines Gesundheitsrates, "in dem Ärzte gemeinsam mit Ethikern, Juristen, Gesundheitsökonomen, Theologen, Sozialwissenschaftlern und Patientenvertretern Empfehlungen für die Politik entwickeln, wie es zu einer gerechteren Verteilung der knappen Mittel kommen kann".

Das wäre eine sinnvolle Lösung, wie sie etwa auch dem amerikanischen Ethiker Norman Daniels vorschwebt. Er plädiert in seinem Buch Just Health für eine gerechte Verteilung begrenzter Ressourcen, wobei die Entscheidungsträger über die Vernünftigkeit und Zumutbarkeit ihrer Entscheidungen öffentlich Rechenschaft ablegen sollen.

Noch steckt viel Sparpotenzial in effizienteren Strukturen des Gesundheitswesens. Aber irgendwann werden die alternde, kränkelnde Gesellschaft und der medizinische Fortschritt diese Reserve aufgebraucht haben. Spätestens dann werden harte Schnitte notwendig und eine transparentere Verteilung der Mittel mit öffentlicher Teilhabe im Gesundheitswesen unausweichlich.

Diese Art der Demokratisierung der Medizin aber könnte für den Ärztekammerpräsidenten eine unangenehme Nebenwirkung zeitigen. Denn schließlich kann Priorisierung auch heißen, dass Deutschland künftig mit sehr viel weniger Ärzten auskommen möchte.