Im Shop der Documenta von 97 konnte man den Italienischen Teller von Martin Kippenberger erstehen. Es war ein schweres Keramikrund mit Loch, ein Teller ohne Boden. Ein Kunstulk. Ob Thomas Kapielski davon weiß? Denn der berichtet nun, einmal Ähnliches ersonnen zu haben, nämlich den Suppenteller für Nichtschwimmer: ein flaches Geschirr, auf dem "Nichtschwimmer" steht. Mit etwas Ehrgeiz, so Kapielski, hätte er die Idee bestimmt "vershoppen" können, was nicht geschah, denn warum sollte man etwas basteln, das man genauso "zeichnen oder malen und vergessen kann"? Fazit: Kippenberger hat seinen Teller "vershoppt" (um die 1200 Mark) und starb im selben Jahr am Alkoholkonsum. Kapielski hat an seinem Teller zwar nichts verdient, sitzt aber munter beim Bier – und trägt überdies den Lorbeer der Musen davon: Er hat die Telleridee als erfrischenden Spaß in die Welt gespielt, um ihn vergnügtem Erinnern oder leichtem Vergessen zu überlassen. Ist das nicht die heiterste, freieste Kunst? Ein Werk, das eine echte Gnade gewährt – das Schöne erleben und es dann wehmutslos vergessen zu dürfen? (Während sich die Kippenberger-Käufer immerdar fragen müssen, ob das Trumm sein Geld denn wert sei, an Bedeutung und so.)

Mischwald, das eine neue Buch von Thomas Kapielski, das die Tellergeschichte enthält, bietet wie gewohnt eine tage- und sudelbuchhafte Mischung aus Alltäglichem, Tiefem und Quatsch. Ortskunde. Eine kleine Geosophie, Kapielskis anderes neues Buch, wartet ebenfalls mit kuriosesten Anmerkungen auf, nimmt aber die schönsten deutschen Ortsnamen zum Nagel, um sie daran aufzuhängen, beispielsweise Pompster, Sterbfritz, Schnürpflingen, Gespenst (Eifel). Die Aperçu-Quote beider Bücher: beträchtlich.

Klar, es gibt in keiner dieser Sammlungen einen gemeinsamen Nenner für die Texte, außer natürlich Thomas Kapielski. Der ist aber selbst ein nicht aufgehender Bruch. Geboren 1951, Berliner, Exprofessor, Familiengründer, Nasenflötenpaganini, Autor, Bildner: Man muss ihn einen Künstler nennen, womit aber noch wenig geklärt ist. Der durch den Mischwald streifende Leser sieht Fotos und Bilder, erfährt von des Autors Gunst und Abscheu, von Familienglück und Künstlernot, stolpert von Gracián zum Blumengießen. Ähnlich geht es dem ortsunkundig von Arftl nach Urfey Irrenden. Man amüsiert sich, doch mit leiser Ungeduld: Also, was will der Kapielski jetzt eigentlich? Und es dauert noch ein bisschen. Dauert, bis man merkt, wie die Ungeduld der Ruhe weicht. Bis man den Wald vor Bäumen sieht.

Weil Thomas Kapielski, der Meister des Improvisierten, der Kunst- und Lebensbastelei, so sehr bei sich selbst ist wie nur wenige. Weil er der rechte Künstler einer Zeit ist, in der es alles im Überfluss gibt und bald gar nichts mehr. Die großen Themen nämlich, das Elend der Welt, die Liebe zu den Kindern und die vermaledeite Hoffnung, das alles beschäftigt Kapielski sehr wohl. Darüber schreibt er mit dem ehrlichsten Realismus, dem des eigenen Lebens. Sitzt also beim Sauerbraten in der Kneipe, erschrickt beim Blick aus dem Fenster ob der Hybris des Menschengeschlechts und beruhigt sich mit dem Gedanken, dass die Brut ihre selbst eingebrockte Strafe schon auslöffeln werden muss, wenn die alte Erde die Nase voll hat.

Kapielskis Antwort auf Verblödung und trübe Aussichten ist der Nichtschwimmer-Teller. Das nur Skizzierte, nie Ausgeführte. Eine Kunst des fröhlichen Verschwindens als Reaktion aufs schwer Erträgliche, wie den Tod der Freunde, den er lakonisch notiert. Das andere wird locker komisch hingetupft, recht umgangssprachlich mit kuriosen Ausreißern ins Lichtenberg-Höchste sowie ins Niederste bösester Kalauer. Letztere, damit wir es uns bloß nicht zu einfach machen mit Kapielskis Komik, die kein billiger Humor ist, sondern ein ansteckender Effekt der hilflosen Zuversicht. Übrigens führt die Ortskunde eleganterweise gerade nicht über Calau.

Vielleicht darf man von Rainald Goetz, der in seiner Klage ganz ähnlich beobachtet und schreibt, ein Motto für Kapielski borgen: "Es geht doch ganz einfach: leben, schreiben, lesen." Goetz selbst gelingt das allerdings selten, ihn treibt die Dummheit der anderen regelmäßig in Zornesekstasen. Kapielski dagegen lebt, schreibt, beruhigt sich und uns damit, dass der Planet die Menschen allemal überleben wird. Vielleicht ist der Klimawandel ja nur eine Immunreaktion, sozusagen der Schnupfen von Mutter Erde? Kapielski wäre dann der, der ihr schon mal fröhlich "Gesundheit!" zuprostet.