Er hat recht. Im ICE findet man immer einen Platz. Auch dann, wenn Rentner – gegen die er, 42 Jahre alt, gelegentlich eine leichte Aversion zu hegen scheint, zumal wenn sie "rüstig" sind, Sekt trinken und singen – den Großraumwagen bevölkern. Dann muss man ihnen halt entfliehen.

Nils Minkmar hat ein hinreißendes Buch geschrieben. Er erzählt, Reporter, der er ist, Geschichten. Geschichten am laufenden Band, die sich zu einem Mosaik der Welt fügen, in der wir leben und die sich so rasend schnell verändert hat und verändert. Er beginnt mit den vielleicht schönsten Geschichten, und die handeln von seinem französischen Großvater in Bordeaux, der ein unerschütterliches festes Weltbild hatte – die Linke war sein Lager, Léon Blum, Mendès-France fand er gut, und wichtig war für ihn, den Tag nach den Mahlzeiten einzuteilen. Er wäre fast vom Stuhl gefallen, als er einmal sah, wie ein "chicer Mann mittleren Alters" in einem Kulturcafé auf dem St. Johanner Markt in Saarbrücken eine Weißweinschorle trank und dazu einen Maiskolben verspeiste. Für den Großvater – warum nennt in Minkmar in dem Text stets Opa? – unfassbar. "Mitten in Europa machte sich ein sozial voll integrierter, arbeitender Mann daran, mit beiden Händen und großem Genuss Viehfutter zu verspeisen. Eine schöne Dose Katzenfutter zu einem Glas Burgunder, das würde dann wohl als nächstes kommen…"

Nils Minkmar wuchs im Saarland auf, als dort Oskar Lafontaine den Ton angab. Er studierte Philosophie und Geschichte, promovierte bei Pierre Bourdieu, verschrieb sich dem Journalismus, war für zwei Jahre auch Redakteur unserer Zeitung, bis er 2001 ins Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wechselte, wo unsereins ihn stets mit Vergnügen und Gewinn liest. Seine Themen sind breit gefächert – auch in diesem Buch –, er versteht sich nicht als Feuilletonist, der Löckchen auf der Glatze dreht, wohl aber als Reporter, der ganz schlicht aufschreibt, was er erlebt, was er sieht, was er hört, der Geschichten des "modernen Lebens" erzählt, nur eben nicht als rasender Reporter à la Kisch, eher nachdenklich, behutsam, verschmitzt, komisch, stets mit einem Gran Ironie. Er sieht genau hin, aus den Augenwinkeln manchmal, er ist klug, belesen und weiß seine Bildung unaufdringlich einzusetzen. Dazu schreibt er klar, uneitel, stellt sich selbst nie in den Mittelpunkt, er lässt die Sprache laufen. Er ist ganz einfach ein sehr guter Schreiber.

Eine seiner Geschichten, die er "personal Essays" nennt, handelt von der Politik. Er selbst hat als Student auf der Universität des Saarlandes sich in das Studentenparlament wählen lassen und erlebte den "Alltag der Politik", indem er als Erstes die Zapfanlage für Cola und Limonade in der Mensa so drehen ließ, dass die Studenten selbst ihre Säfte abfüllen konnten und nicht länger die überlastete Kassiererin dies tun musste. Ein Politiker ist er trotz dieses Erfolgs nicht geworden, aber einer, der gerne den Politikern zuschaut. Aus Heiligendamm, vom Gipfel der 8, schreibt er plastisch und bös: "Bush fuhr, vor den Heerscharen unserer Polizisten, von seiner eigenen kleinen Armee beschützt, auf dem Marktplatz von Stralsund vor, hielt eine Rede, die ein zehnjähriger Junge locker hingekriegt hätte, bekam am Abend ein gegrilltes Schwein, und eine Million Polizisten machten eine Million Überstunden. Nach der lebensrettenden Weigerung der Regierung Schröder, bei dem Wahnsinn im Irak mitzumachen, waren die Beziehungen schlecht gewesen. Jetzt flog Bush ein, aß hier ein Schwein. Das war das Zeichen, dass sich die Beziehungen verbessern."

Natürlich muss ein Saarländer, auch wenn er ein halber Franzose ist, sich Oskar Lafontaine vorknöpfen. Er hat ihn gut gezeichnet und wohl auch die Szene treffend gedeutet, die er im Wahlkampfsommer 1998 bei den Aufnahmen für einen Dokumentarfilm zwischen Schröder und Lafontaine beobachtet hat: "Es war ein bestürzendes Schauspiel: Bei jeder Äußerung Schröders wachte Oskar, mit Papieren auf den Knien über den Gehalt der Aussage des Kandidaten. Es war klar, dass er ihn als Frontmann einer Band sah, für die er die Musik komponiert hatte… Diese Rollenverteilung und ihr zu erwartendes Ende sah ich deutlich… Der Riss, der die deutsche Linke bis heute beschäftigt, zeichnete sich damals ab auf jenem Blatt Papier, das höchstens zwischen die beiden passen sollte."

Die vielen Geschichten, die Nils Minkmar aneinanderreiht, ergeben eine Momentaufnahme des Lebens in unserem Land – etwas wie x-mal Deutschland. Und für einen Älteren, von dem der Autor meint, er sei mit seinem Mountainbike in Australien unterwegs und habe nie Zeit, ist es aufschlussreich, zu lesen, wie er unser modernes Leben sieht, beschreibt und deutet. Unsereins ist geneigt, ihm zuzustimmen. Ist ja auch halt ein kluges Köpfchen, das da durch die Welt zieht.