Es ist ein kleiner Fluss. Nur 215 Meilen von der Quelle in Gloucestershire bis zur Mündung in die Nordsee, nichts im Vergleich zu den Abertausenden von Meilen, die der Jangtse oder Mississippi aufzubieten hat. Tidenhub: sieben Meter. Tendenz steigend. Das Land, durch das die Themse fließt, sinkt ab mit jedem Jahr, weshalb die Flut in jedem Jahrhundert einen 60 Zentimeter höher gelegenen Scheitelpunkt erreicht, die Effekte der zukünftigen Erderwärmung mit ansteigendem Meeresspiegel nicht eingerechnet, die London in ein feuchtes Venedig verwandeln könnten. Ansonsten: ohne Dramatik.

Die Themse ist ein ganz unspektakulärer Fluss. Keine Stromschnellen, ohne Wasserfälle. Maßvoll, fast schläfrig fließt sie dahin, vorbei an römischen Gräberfeldern, pittoresken Dörfern, Klosterruinen, Feldern und Weiden, sieht die Kuppeln und Türme von Oxford daliegen, die Paläste der alten Mächtigen in London und die Luxusherbergen der neuen, umschwappt in den Hafenanlagen den Victoria Dock oder Orient Wharf, die einst von imperialer Größe zeugten und heute von hoch gedealten Immobilienwerten. Sie fließt mit der Beharrlichkeit einer Wassermasse, die sich seit 30 Millionen Jahren in ihrem Flussbett eingerichtet hat, das vor 170 Millionen Jahren entstanden ist und dessen Ufer 500.000 vor Christus besiedelt wurde. Der Fluss, behauptet der Kulturkritiker Peter Ackroyd in seinem Buch Die Themse, fließe durch das Erleben, das Empfinden der Menschen, das in Jahrtausenden durch das Leben am Fluss geprägt sei, indem er Lebensweisen nahe legte, begrenzte, dieser Fluss, an dessen Ufern sich die Geschichte der Nation entschieden habe, Macht entstand und sich ausdrückte, in Festungen, Klöstern, Ansiedlungen, ja Landschaften. Der Fluss, heißt es kühn, verkörpere den nationalen, den englischen Charakter.

"Wirkt es sich in irgendeiner Weise auf die Menschen der Themsemündung aus, dass sie über in der Tiefe erhaltene, urzeitliche Wälder hinwegschreiten?", fragt Ackroyd und antwortet sich selbst: "Wir tragen die Assoziationen, die sich in der Vergangenheit mit dem Fluss verknüpften, weiter in uns, und wenn wir sie nicht kennen, verstehen wir nicht die besondere Art seiner Präsenz in der modernen Welt."

Welche These! Ackroyd spricht von "liquid history". Sein Verfahren? Visionär. Der Fluss dient Ackroyd als Traumfuge, er blickt durch ihn wie durch einen Spalt bis in die Vorzeiten hinab, in denen der Fluss in Erscheinung trat, als Arm eines großen Flusses, der damals Europa durchflutete, ein Nebenarm jenes anderen Flusses mit späterem Namen Rhein. Der Fluss, schreibt Ackroyd, war da, lange bevor die Menschen da waren, und er werde, impliziert das, weiter fließen im großen Kreislauf des Wassers, das die Erde durchdringt und durch die Menschen rinnt, die ja auch zu großen Teilen aus Wasser bestehen und auch einmal verschwinden könnten, so wie die geschnäbelten Fische, die scharfzähnigen Saurier der Tiefe, Krokodile, Schildkröten, Echsen, die am Ufer der Themse einmal zu Hause waren und irgendwann verschwanden, wie die Flusspferde, die sich einst tummelten, wo heute Admiral Nelson auf seiner Säule über den Trafalgar Square herrscht, wie die Elefanten, die am Londoner Strand herumstapften, wo heute das Savoy mit seiner Fünf-Sterne-Hochmütigkeit über die Themse blickt. Der Fluss ist größer als die Zeiten und die Gegenwart, er umfasst sie vollkommen. London? Wäre nichts ohne die Themse!

Peter Ackroyd ist das, was man einen Privatgelehrten nennt, sein Bildungsweg ist mit Cambridge und Yale, sein Beruf mit "Literaturredakteur" der Times oder Radiojournalist nicht annähernd beschrieben. "Berufung" trifft es eher. Der Sohn einer allein erziehenden Arbeiterin. Mit neun Jahren beginnt er Texte zu komponieren. Ackroyd schreibt Fiction und Science-Fiction, Lyrik und Dramen, er verfasste preisgekrönte Werke über T. S. Elliot, Oscar Wilde, natürlich Shakespeare, er hat eine fulminante Studie zur Geschichte Londons vorgelegt. Die Queen erhob Ackroyd in den Adelsstand: The Order of the British Empire !

Ackroyd erzählt Geschichte, und wie gerne er erzählt! Systematikern wird es die Tränen in die Augen treiben, da helfen auch mit lateinischen Ziffern durchgezählte Kapitel wie Anfänge oder Der Fluss der Arbeit oder Schatten und Tiefen nichts. Geschichte kommt bei Ackroyd daher als Sammlung von Anekdoten, in Zahlen und Zitaten. Wie Cäsar im Jahre 54 nach Christus an der Themse stand und seine Augen an ihrem Nordufer die widerständigen Stammesvölker erblickten, die todesmutig bereitstanden, sich in ihrer blauen Kriegsbemalung der römischen Invasion entgegenzuwerfen. Man hört die Hiebe der Holzfäller, die Balken für die römischen Brücken schlagen. Man sieht die Rundhütten am Ufer, Tierhäute über Geäst gespannt, eine dünne Membran, durch die das Brüllen der Tiere, das Plätschern des Flusses, das Rauschen der Wälder dringt. Die Römer müssen im frühen 5. Jahrhundert weichen, im Jahre 893 segeln die Wikinger die Themse hoch, mit gierigen Absichten. Thorkell der Große brandschatzte Oxford. Es gibt viele Schlachtfelder rechts und links der Themse, verwüstete Heiligtümer, Klosterruinen, aus dem Schlick werden Schädel ohne Unterkiefer gehoben, das Gebein trägt noch die Spuren der Instrumente, die Fleisch und Haut sorgsam abgekratzt haben. Ackroyd wählt die freundliche Sicht, die Themse habe es doch, über alle Epochen hinweg, immer wieder geschafft, alle Eindringlinge zu zivilisieren.

Wie leicht es ist, alle Bedenken und Einwände von seinem Erzählfluss hinwegspülen zu lassen. Vom Wasser aus betrachtet, liegt am Ufer tatsächlich das versammelte Strandgut der Hochkultur. Oxford, die Furt der Ochsen, datiert auf 1000 vor Christus, was es zu einer der ältesten Städte der Welt machen würde. Flussaufwärts Dorchester, einst der bedeutendste Bischofssitz Englands, flussabwärts Long Wittenham, wo die Römer einen Altar für Jupiter Optimus Maximus aufstellten. Maidenhead, wo der Sachsenhäuptling Taeppa in einem Hügel bestattet ist. Marlowe, wo der Dichter Percy Bysshe Shelley mit seiner Frau Mary in der West Street wohnte, wo sie Frankenstein schrieb, und Deptford, von wo aus Sir Walter Raleigh und Sir Francis Drake in die Welt hinaussegelten, um Ruhm und Reichtum Englands zu begründen. Richmond, von dessen Hängen aus betrachtet sich der Fluss in überwältigender Harmonie entfaltete, "von Weitem scheint alles Natur zu sein, aus der Nähe alles Kunst, in jedem Fall aber von äußerster Schönheit", beschrieb Daniel Defoe diesen Blick über die Themse, den Künstler über die Jahrhunderte immer wieder malten, "es ist nicht übertrieben, wenn man behauptet, dass dies die Region war, die Inspiration zum englischen Landschaftspark lieferte und so schließlich die Topografie ganz Europas veränderte", heißt es.