Claus hat Martina vor einem halben Jahr verlassen. Seitdem ist er mit Franziska zusammen. Dennoch ruft er Martina, die sehr unter der Trennung leidet und Claus gern zurückhätte, jeden Tag an. Er bespricht mit ihr seinen Alltag, Organisatorisches und Probleme im Beruf. Martina freut sich sehr über die Anrufe, sie schöpft jedes Mal Hoffnung, Claus könnte doch noch zu ihr zurückkehren. Auch Claus scheint die besondere Nähe zwischen den beiden zu schätzen. Martina spricht ihn manchmal darauf an, ob er seine neue Beziehung anzweifle, was er stets verneint. Er sagt, er wolle seinen Weg mit Franziska gehen. Trotzdem klingelt jeden Tag das Telefon bei Martina. Für sie ist das eine schmerzvolle Berg-und-Tal-Fahrt. Sie will Claus nicht ganz verlieren, aber andererseits von ihm loskommen. Soll sie ihm die Anrufe untersagen? Wolfgang Schmidbauer antwortet: Claus hat beides – das Leben mit Franziska und den vertrauten Austausch mit Martina. Sollen wir Martinas Geduld bewundern oder versuchen, die Tiefen ihrer Aggressionsvermeidungs-Rückkehr-Hoffnungs-Strategie auszuloten? Jedenfalls scheint für sie die Opferrolle das kleinere Übel. Aber selbst wenn sie auf Claus’ ersten Streit mit Franziska warten möchte, sollte sie es ihm nicht so leicht machen, seinen Harem zu pflegen. Ablösung gelingt nicht ohne ein Quäntchen Aggression. Meist ist es besser, den Kontakt nach der Trennung auf das Notwendige zu reduzieren. Martina könnte Claus bitten, seine Anrufe zu unterlassen. Wenn es etwas zu klären gibt, meldet sie sich. Die Rolle der Restbeziehungspartnerin, die auf Brosamen wartet, ist wenig bekömmlich für das Selbstbewusstsein.

Wolfgang Schmidbauer, 68, ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Zu dieser Kolumne ist das Buch  "Lässt sich Sex verhandeln?", Gütersloher Verlagshaus 2009 erschienen.

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Welchen Problemen Wolfgang Schmidbauer in seiner täglichen Praxis begegnet, erzählt er im Interview mit ZEIT ONLINE.