Das Schlimmste erzählt Hardy Schober gleich am Anfang, denn wenn es nachher um seine politischen Forderungen geht, will er mit fester Stimme sprechen und kein Taschentuch unter der Tischkante verbergen müssen. Am 11. März, während eines Geschäftstermins in Leipzig, klingelte das Handy, von einem Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden war die Rede und dass seine Tochter Jana unter den Opfern sei. Hardy Schober stieg in seinen Wagen und drückte das Gaspedal durch. Als er zu Hause ankam, war Jana tot. Die 15-Jährige starb im Schockraum des Ludwigsburger Klinikums. »Sie war ein Sonnenschein«, sagt der Vater, die Stimme versagt, sein Blick geht zu Boden, und dann ist dieser Moment vorüber, den er sich nicht ersparen kann, vielleicht nie wird ersparen können, wann immer er erzählt, was passiert ist.

Hardy Schober ist in seinem Berufsleben ein schlauer Fuchs gewesen, der Fassaden errichten konnte, hinter denen er verbarg, was niemand sehen sollte. Täglich war er von Leutenbach nach Heidelberg gependelt, insgesamt 250 Kilometer, arbeitete dort »für eine Heuschrecke«, wie er selbst sagt, eine Firma, die zur Prüfung zwischengeschaltet wurde, wenn Banken ihre Forderungen aus privaten Immobilienkreditverträgen an Investoren weiterverkaufen wollten. Neben seinem 17-Stunden-Job unterhielt er zu Hause in Leutenbach-Nellmersbach ein Maklerbüro, und wenn er am Wochenende einem Interessenten mal wieder eine Wohnung zeigte und wusste, dass der Wasserhahn tropft, dann hielt er geflissentlich den Mund.

Die Anstellung in Heidelberg gibt es nicht mehr, Hardy Schober hat sie gekündigt, das Maklerbüro in Nellmersbach ist jetzt die Zentrale des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden, dem die Eltern aller neun Schüler angehören, die von Tim K., der ebenfalls aus Leutenbach stammte, mit einer Beretta getötet wurden. Aus dem Bündnis hat sich mittlerweile eine kirchliche Stiftung entwickelt, die Geld sammelt, damit sich etwas am Gewaltverhalten in dieser Gesellschaft ändert, damit Computerkillerspiele auf einen Index kommen, die Darstellung von Gewalt im Fernsehen begrenzt oder der Gebrauch großkalibriger Waffen in Schützenvereinen verboten wird.

Hardy Schobers Hände kommen kaum noch zur Ruhe, wenn er darüber redet. Eines der Neunmillimeterprojektile aus der Beretta von Tim K. habe eine sieben Zentimeter dicke Vollholztür durchschlagen, bevor es eine Lehrerin tötete und schließlich in einem Alufensterrahmen stecken blieb. »Wenn Sie fünf Leute hintereinander stellen und damit schießen, dann sind alle fünf tot«, sagt er, noch immer erstaunt und fassungslos. Der Vater hat sich die Schulräume angesehen nach der Tat, die Flure, den Tisch, den Stuhl, auf dem Jana saß, es war Einprägung, Konfrontation, Vergewisserung, ein Stück Therapie. Er ist krankgeschrieben seit der Bluttat, die Diagnose lautet auf Schocktrauma, das Geld für den Lebensunterhalt kommt derzeit von der Krankenkasse. Manchmal weicht alle Kraft aus ihm wie die Luft aus einem Ballon. Nicht einen einzigen Satz könne er dann zu Papier bringen, erzählt er. Ihm macht das Angst.

Dabei gibt es so viel zu tun, die Stiftung vorantreiben, Unterschriften in der Bevölkerung zur Eindämmung von Gewalt sammeln, politische Eingaben formulieren. Die Schützenvereine müssten nicht verboten werden, aber sie sollten sich den olympischen Schießdisziplinen widmen, das müsse genügen, sagt Hardy Schober. Er fühlt seine gute Sache missbraucht durch martialisch klingende Forderungen nach Metalldetektoren vor Schuleingängen oder Security-Personal auf den Pausenhöfen. Realitätsnäher scheint ihm die Montage schlüsselloser Drehknöpfe an den Innenseiten der Klassentüren, die von jedermann verriegelt werden könnten, wenn von außen Gefahr droht. Und warum diese Türen nicht mit Metallkernen versehen, sodass kein Schuss sie durchdringen kann? Man könnte solche Auflagen in die Brandschutzverordnungen schreiben und sie damit obligatorisch für alle Schulträger machen, sagt Hardy Schober. Den Kompromiss, den die Politik in Berlin fand, bezeichnet er als »wahlpolitische Kosmetik« – auch wenn die Änderung des Waffenrechts »grundsätzlich in die richtige Richtung« gehe.

Hübsch und keck strahlt Jana von einem Foto, sie war Streitschlichterin in ihrer Schule, tanzte gern, war Gardemädchen in einer Karnevalsgesellschaft und Cheerleader in einem Footballverein. »Sie war überall gern gesehen und hatte keine Feinde«, sagt der Vater. Ihm ist die Erinnerung an die Fröhlichkeit seiner Tochter ein Vermächtnis geworden, das auch ihn selbst verändert. Nie wieder wird er in seinen alten Beruf zurückkehren, den er plötzlich wahrgenommen hat wie einen alten, speckigen Mantel, der ihm die Luft abschnürte und den er voller Abscheu von sich warf. Der Stiftung und der Erinnerungsarbeit soll seine ganze Kraft, seine ganze berufliche Zukunft gehören.