Mitte April entschied sich Heinrich Birner für den Angriff. Als "Lohndrücker" beschimpfte der Münchner Geschäftsführer der Gewerkschaft ver.di die Lufthansa. Das Unternehmen habe vom Münchner Flughafen Kostensenkungen in Millionenhöhe eingefordert, und dessen Chef Michael Kerkloh wolle diese Forderung an die Beschäftigten weiterreichen. 5000 Euro im Jahr sollten pro Mitarbeiter in der Bodenabfertigung gespart werden. Der Münchner Flughafen versuchte die Vorwürfe seines Aufsichtsratsmitglieds Birner zu entkräften, doch sie liegen weiter in der Luft.

Treffen die Vorwürfe zu, sind sie ein kleines Indiz für den Druck, den große Fluggesellschaften auf ihre Geschäftspartner ausüben können, zumal in der Krise. Die Lufthansa ist der größte Kunde des Flughafens München – Insidern zufolge tragen sechs von zehn Fliegern, die dort starten oder landen, das Kranichlogo. Am Terminal 2 ist die Airline sogar zu 40 Prozent beteiligt. Mehr noch: Die Lufthansa ist die Anführerin der Star Alliance, eines Verbunds von insgesamt 21 Fluggesellschaften, die am Terminal 2 abgefertigt werden – und derartige Flugallianzen sind für München von zentraler Bedeutung, denn der Flughafen fungiert vor allem als Drehkreuz, an dem viele Millionen Passagiere nur landen, um direkt wieder umzusteigen.

Die Unruhe wächst. Kooperierende Fluggesellschaften verfügen über eine große Verhandlungsmacht – wenn Flughäfen Gebühren erhöhen, Behörden Start- und Landegenehmigungen erteilen oder Reiseveranstalter Ticketprovisionen fordern. "Mit den Allianzen ist das Druckpotenzial gestiegen", sagt der Chef eines großen deutschen Flughafens. Sollte München die Gebühren nicht senken, könnte die Star Alliance beispielsweise mit einem schrittweisen Abzug drohen. Dem Passagier aus Budapest ist es gleichgültig, ob er über München oder Frankfurt nach Chicago fliegt. "Das sind schon monopolistische Tendenzen", sagt einer, der sich an Münchens Terminals bestens auskennt.

Mehr als 40 Airlines sind unter das Dach einer Allianz geschlüpft

Tendenzen somit, die den Argwohn von Wettbewerbsbehörden wecken sollten. Und in der Tat hat die EU-Wettbewerbsbehörde gerade Ermittlungen gegen die Star-Alliance-Mitglieder Air Canada, Lufthansa und United sowie den künftigen Partner Continental aufgenommen. Es geht um bestehende und geplante Kooperationen und womöglich fragwürdige Absprachen. In der Allianz oneworld wiederum stehen künftige Verbündete der Kerngesellschaften American Airlines, British Airways und Iberia im Fokus der Ermittlung. Auch in Amerika übt der Verkehrsausschuss des Kongresses Druck auf die Branche aus. Ein Gesetz, das eine regelmäßige Überprüfung der Partner vorsieht, ist bereits auf dem Weg. Die Zeiten, in denen Flugallianzen allein als positiv gesehen wurden – sie sind vorbei.

Viele Jahre konnten die drei großen Allianzen, die sich nach der Liberalisierung des weltweiten Luftverkehrs zusammenfanden, kooperieren, ohne behelligt zu werden. Star Alliance, oneworld und SkyTeam sind beständig gewachsen. Mehr als 40 Gesellschaften sind inzwischen unter das Dach einer solchen Allianz geschlüpft, darunter auch die größten Flotten der Welt. Besonders eng wird das gemeinsame Geschäft heute auf den Strecken von Nordamerika nach Europa betrieben.

Ideengeber aller Flugallianzen ist Jürgen Weber. Auf Betreiben des damaligen Chefs und heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden der Lufthansa gründete sich 1997 die Star Alliance. "Ein gemeinsames Kommunikationssystem ermöglicht direkte Reservierungen, nahtlose Übergänge zu den Anschlussflügen – und das alles zumeist unter einem einzigen Terminaldach", schwärmte er. Das sogenannte Codesharing erlaubt den beteiligten Fluggesellschaften, sich Flieger zu teilen, die sie allein nicht füllen könnten – auf diese Weise können sie ihr Netz um immer neue Verbindungen erweitern. Den heute 21 Mitgliedern der Star Alliance gelingt es zum Beispiel, 159 Länder und 912 Flughäfen anzufliegen. Auf allen Strecken sammeln vor allem Geschäftskunden Bonusmeilen, sie können diese im gesamten Liniennetz gegen neue Flüge eintauschen und sich die Wartezeit in einer von 805 Lounges vertreiben. Von einem "enormen Servicegewinn für den Kunden" spricht Carl-Stefan Neumann, Luftfahrtexperte der Unternehmensberatung McKinsey.