In Münchens Kunstmuseen ist man selten einsam. Im Haus der Kunst drängen sich an guten Tagen Menschentrauben, ähnlich eng geht es in der Hypo-Kunsthalle zu. Auch in den Pinakotheken defilieren die geführten Gruppen häufig in Dreierreihen aneinander vorbei. Kein Wunder, dass die hiesige Museumsszene munter weiter expandiert. Mit dem farbenfrohen Kubus für die Sammlung Brandhorst ist gerade ein weiterer potenzieller Publikumsmagnet hinzugekommen. Und in Fußweite davon entsteht ein stattlicher Erweiterungsbau für die Städtische Galerie im Lenbachhaus.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Doch nicht für alle Häuser ist diese beeindruckende Häufung musealer Attraktionen ein Segen. Im Bayerischen Nationalmuseum beispielsweise kann man nicht selten auch während der Hochsaison mutterseelenallein durch die Säle schreiten. Die Sammlung ist zwar de jure kulturhistorisch ausgerichtet, was aber die Zahl an hochkarätigen Kunstschätzen angeht, kann sie mit jedem anderen Münchner Museum locker mithalten. Wer einmal durch die eisenbeschlagenen Türen getreten ist, findet sich wieder inmitten einer überbordenden Fülle unterschiedlichster, qualitativ hochwertigster Einzelsammlungen vom frühen Mittelalter bis ins frühe 20. Jahrhundert. Der verwinkelte Bau beherbergt nicht nur die staunenswert minutiös gearbeiteten Stadtmodelle aus der Zeit Herzog Albrechts V., er bietet auch komplette Raumensembles aus mehreren Jahrhunderten, dazu Gemälde, Skulpturen, Spielzeug, Krippen, Musikinstrumente, Tapisserien, Fayencen, Glaskunst, Jagdgerät, Rüstungen und vieles mehr. Leider ist das Ausstellungskonzept nicht annähernd so überzeugend wie die Exponate: Einen roten Faden, der einen durch die Fülle führen würde, sucht man vergebens. Man muss sich also wohl oder übel auf eigene Faust auf Entdeckungsreise begeben.

Ein bewährter Einstieg ist Saal 16 im Erdgeschoss. Der hohe, asymmetrische Raum mit dem sattfarbenen Steinfußboden, den ein Netzgewölbe nach spätgotischem Muster überspannt, ist dem mainfränkischen Bildschnitzer Tilman Riemenschneider und seinem Umkreis gewidmet. An der bedauernswert ausgefransten Schrifttafel mit der Vita des Künstlers kann man ablesen, wie sehr das Haus unter chronischer Mittelknappheit leidet. In der Regel sind einige der Stücke gerade ausgeliehen oder beim Restaurator. Und doch lohnt der Besuch unbedingt. Die sechs kleinen Engel, die mit ausgreifenden Schwingen und kühnen Gewandfalten die Heilige Magdalena umflattern, wären allein schon die Reise wert. Ebenso faszinierend, aber auch sehr befremdlich, sind die zwölf Apostel, die, obwohl nur eine gute Handspanne groß, mit ernsten und eindringlichen Blicken aus herben, dunklen Gesichtern aus den Raum dominieren. Der eigentliche Höhepunkt aber ist die Heilige Barbara, eine zarte, keine anderthalb Meter große Figur von himmlischer Anmut und atemberaubender körperlicher Präsenz, die Riemenschneider 1510 aus Lindenholz gezaubert hat.

Wer sich von ihrem Anblick losgerissen hat, sollte unbedingt gleich Conrad Meits winzige Judith aus Alabaster aufsuchen, die nur ein paar Schritt weiter in Saal 21 zu finden ist. Aufreizend aufrecht steht die nackte Schönheit einem gegenüber und blickt mit undurchschaubarer Miene auf das abgetrennte Haupt des Holofernes, das auf einem Podest neben ihrer Hüfte ruht. Die Finger ihrer Linken sind in dessen dichten Locken verkrallt, während die Finger der Rechten lasziv den langen, phallischen Griff des riesigen Schwertes an ihrer Seite umspielen. Meits Figur ist nur wenige Jahre nach Riemenschneiders Barbara entstanden, doch man merkt sofort, dass hier bereits der Weg zu einer gänzlich anderen, von der Begegnung mit der Antike beseelten Form der Darstellung eingeschlagen ist. Selten hat man die Gelegenheit, diesen Wechsel der künstlerischen Auffassung auf einem derart hohen Niveau unmittelbar nebeneinander zu sehen. Und das Beste daran: Man bleibt dabei meistens ganz für sich allein.

Christian Demand lehrt Kunstgeschichte in Nürnberg