Dort, wo der Rio Negro in den Amazonas mündet, unweit der Urwaldstadt Manaus, spielt sich eine ungewöhnliche Zeremonie ab. Zwölf Kanus bilden einen Halbkreis im Fluss. An Bord sind spirituelle Führer der Indios, die die gewaltige Lebensader Brasiliens besingen. Mit dabei: Kardinäle, Bischöfe, Wissenschaftler, Politiker – und ein schwarz gewandeter Geistlicher: Bartholomäus I. Das spirituelle Oberhaupt der rund 300 Millionen orthodoxen Christen hat die Feier und das ganze schwimmende Symposium über "Religion, Wissenschaft und Umwelt" inszeniert – und segnet nun seinerseits den Strom.

Welche Geste: Im Herzen Südamerikas, wo sich wenig später der katholische Papst mit der Aussage unbeliebt macht, die Indios hätten sich einst den Gott der Kolonisatoren "im Stillen herbeigewünscht", stellt der Repräsentant der orthodoxen Christenheit seinen Glauben neben jenen der Indigenen. "Wir sind gekommen", sagt der 69-Jährige mit klangvollem Bass, "um zu lernen – nicht zu lehren."

Die Szene ist auf DVD festgehalten; sie dokumentiert eine jener besonderen Expeditionen, zu denen Bartholomäus seit Jahren Forscher, Politiker und Geistliche aller Schattierungen zusammenruft. Sein ökologisches Engagement hat ihm nicht nur den Beinamen der "grüne Patriarch" eingebracht, sondern neben zahlreichen Umweltpreisen auch einen Platz auf der Liste der hundert einflussreichsten Persönlichkeiten des US-Magazins Time. Auf den ersten Blick mag das überraschend wirken: Das Oberhaupt einer 2000-jährigen religiösen Institution, die eher als starr und rückwärtsgewandt gilt, findet sich auf einer Liste mit Wissenschaftlern und Visionären wieder?

Um gleich ein Missverständnis auszuräumen: Wer ihn in seinem Amtssitz in Istanbul besucht, in jenem schmalen Holzgebäude, das sich im abgeblätterten Stadtteil Phanar neben der Sankt-Georgs-Kathedrale an einen Felsen schmiegt, betritt keinen "orthodoxen Vatikan". Das Patriarchat in der einstigen byzantinischen Hauptstadt Konstantinopel gilt zwar traditionell als geistiges Zentrum für orthodoxe Christen, die vor allem in Griechenland und Osteuropa leben. Aber Bartholomäus spielt keine Rolle wie der Papst, der seine Schäfchen auch kirchenpolitisch zentral regiert. Die nationalen Patriarchen entscheiden eigenständig, in Konstantinopel hat nur der "Erste unter Gleichen" seinen Sitz.

Zum Treffen mit Seiner Allheiligkeit geht es immerhin über einen Marmoraufgang und durch einen Thronsaal in Purpur und Gold hinauf zu seinem Audienzzimmer. Dort begrüßt Bartholomäus I. auf Deutsch; es ist nur eine der vielen Sprachen, die der türkische Staatsbürger neben seiner Muttersprache Griechisch beherrscht. Er lässt eine vanillecremige Löffelsüßigkeit reichen, während er von den Eindrücken seiner jüngsten Forschungstour erzählt: "Das Knirschen und Krachen der grönländischen Gletscher: unvorstellbar, wenn man es nicht mit eigenen Augen wahrgenommen hat…" Die Menschheit stehe vor einem Kairos, sagt Bartholomäus; einer letzten, einzigartigen Chance.

Mit seinen Schiffskolloquien, denen er seit 1995 präsidiert, will er Anstöße für die richtigen Entscheidungen in diesem Schlüsselmoment geben. Die reisenden Thinktanks wurden von griechischen Reedern gesponsert und gefördert von EU-Präsidenten, UN-Generalsekretären und Persönlichkeiten wie Al Gore. Bis zu 200 hochkarätige Forscher und Denker hat Bartholomäus neben Arktis und Amazonas auch auf der Adria und der Ägäis, der Ostsee oder der Donau der Unausweichlichkeit des "einen Bootes" ausgesetzt, damit sie Auswege für Verschmutzung und Raubbau ergründen sollten. Denn er ist überzeugt: "Der Schutz der Umwelt ist im Kern ein moralisches und spirituelles Problem."

Dass er seine Umweltkonzile ausgerechnet auf hohen Gewässern inszeniert, ist keine PR-Pointe, sondern soll als bewusst inszenierte symbolische Handlung praktische Wirkung erzielen. Dieses Denken entspricht einer Religion, für die Bilder und Mythen nicht nur das Bewusstsein verändern, sondern unmittelbar metaphysische Wege zum Göttlichen öffnen. Wie in anderen Glaubensrichtungen ist das Wasser auch in der Orthodoxie der Ursprung des Lebens, heilsam und gefährlich zugleich. Über Flüsse, Ströme, Meere, Niederschläge verbindet es alle Menschen, unbeirrt durch Grenzen, die sie selber ziehen.