Orientierungslos kam der junge Mann aus der Provinz in der Großstadt an. Noch wusste er nicht, was er wollte. Nur: weg von dem Ort seiner einsamen Kindheit, von den lieblos in ihrer Ehe feststeckenden Eltern. Sehr wohl wusste er, was er nicht wollte: ganz bestimmt nicht den Wünschen des stur konservativen Vaters entsprechen und sich auf dasselbe Gebiet begeben, das schon seit mehreren Generationen den Wohlstand der Familie und ihren Status in der geistigen Aristokratie sicherte. Verheißungsvoll war er auf den Vornamen des Urgroßvaters getauft worden, den dieser von seinem hochberühmten Paten erhalten hatte. Das Elitebewusstsein hatte er verinnerlicht, das traditionelle familiäre Berufsfeld aber war sein "persönliches Schreckgespenst". Er geriet in einen Kreis elitär-politischer Romantiker, und für lange Zeit war sein Lebensziel, Schriftsteller zu werden. Frühe Heirat und Vaterschaft zwangen ihn in die Niederungen des Geldverdienens, er eröffnete einen Buchladen und versuchte sich als Verleger. Auch später noch, als er sich aus dem "Paradies schöpferischer Betätigung" endgültig vertrieben sah, gab er mit Leidenschaft Texte heraus. Wohl auf Anregung seiner Frau begann er eine Ausbildung in ihrem Metier, das sein endgültiger Beruf wurde. Die Ehe zerbrach kurz darauf.

Durch seine Veröffentlichungen hatte er die Obrigkeit auf sich aufmerksam gemacht; als er nach kurzem Untertauchen im Ausland zurückkehrte, wurde er an der Grenze verhaftet und nur unter Auflagen drei Monate später wieder freigelassen. Unter dem prekären Schutz eines Mentors konnte er seine Ausbildung abschließen. In charakteristischer Weise verknüpfte er die verschiedenen Fäden seiner Interessen und dachte über die reine Berufsausübung hinaus ins Politische. Im Moment eines gesellschaftlichen Neuanfangs war er überzeugt, näher als andere am "Herzen zur Zeit" zu sein, und stürzte sich in zahlreiche Aktivitäten, die ihm den Spottnamen "Seine Turbulenz" eintrugen. Nach einem Intermezzo als Provinzialminister verlegte er sich endgültig darauf, als "Ein-Mann-Armee" einem unterdrückten Wissenschaftszweig einen prominenten Platz zu erkämpfen. Engagiert, temperamentvoll und charismatisch jonglierte er mit zahlreichen Rollen, sodass er sich "manchmal wie ein Konfetti-Regen vorkam, der in alle Himmelsrichtungen zerstiebt". Getrieben von dem "Wunsch, die Welt zu verbessern", stieß er öffentliche Debatten an und forderte Aufklärung ein als rücksichtslose Selbsterforschung des Einzelnen und der Gesellschaft. Die Diagnosen, mit denen er sich zu Wort meldete, trugen derart treffende Titel, dass sie zu Schlagwörtern wurden und genau diese Selbsterforschung oft verhinderten. Kurz vor seinem Tod versuchte er seine vielen Aktivitäten in die Kontinuität einer Lebensgeschichte einzubinden, für seine Rolle als dreimaliger Ehemann und siebenfacher Vater aber nahm er das "Recht auf Selbstverborgenheit" in Anspruch. Wer war's?

Wolfgang Müller

Lösung aus Nr. 22:
Ray Charles (1930 bis 2004) wuchs in Armut auf und erblindete im Alter von sechs Jahren. Er schrieb Welterfolge wie "Hit the Road Jack", "Unchain my Heart", "Georgia on my Mind" und wurde zum erfolgreichsten schwarzen Musiker seiner Zeit. Die Karriere war überschattet von seiner Heroinsucht, die er nach 17 Jahren besiegte. In Taylor Hackfords Film "Ray" verkörperte Jamie Foxx 2004 den Musiker, Sänger und Komponisten. Das Zitat stammt aus dem Ray-Charles-Nachruf des verstorbenen ZEIT-Kollegen Konrad Heidkamp