Noch in hundert Jahren wird man sich an die Dramen der Bundesliga-Spielzeit 2008/09 erinnern. Nie wurde großkalibriger rausgeschmissen und hingeschmissen. Die Trainer kamen und gingen. Da waren in München Klinsmann und Heynckes; Fred Rutten auf Schalke kehrte dem Verein den Rücken; in Bielefeld wich Michael Frontzek, Jörg Berger kam (und ging); Friedhelm Funkel verließ die Eintracht in Frankfurt, der Neue (Frontzeck?) ist noch nicht in Sicht; weil Meister Magath zu Schalke geht, geht Armin Veh, der in Stuttgart gehen musste, weil Markus Babbel kam, nach Wolfsburg.

Kann nicht einer bleiben, wo er ist, wenigstens einstweilen? Was ist mit Martin Jol, Trainer beim Hamburger SV? Wer, wenn nicht er, kann erklären, warum sich ein Mensch das antut, Fußballtrainer in der Bundesliga zu werden? Wer, wenn nicht "Martin", wie er genannt werden will, wenn ein Reporter kommt und ihn sprechen möchte?

Jol ist 53 Jahre alt, ein Holländer, "30 Sekunden vom Meer geboren". Andere mögen mit zunehmendem Alter den saloppen dunklen Anzug bevorzugen, Martin erschien die Saison über im unbestechlichen Trainingsanzug zum Dienst. Mit seiner blauen Kappe und den verschränkten Armen stand er am Feld. Er las das Spiel, und die Journalisten lasen in seinem Gesicht. Manchmal, wenn ihm nicht gefiel, was er sah, dann schob der Trainer das Kinn nach vorn, "um ein bis zwei Zentimeter", wie die Reporter notierten.

"Fußball", sagt Martin Jol jetzt, da überall abgepfiffen ist, "Fußball besteht zu 80 Prozent aus Enttäuschung und zu 20 Prozent aus purem Glück." Ein Glücksgefühl der besonderen Art, es mache süchtig. Ein Phänomen auch deshalb, weil der Mensch in anderen Bereichen des Lebens mit einer solchen Quote kaum zufrieden wäre. "Wenn ein Mann mit einer Frau verheiratet ist und das Maß der Enttäuschung 80 Prozent beträgt, wird er sich bestimmt scheiden lassen." Ein Trainer aber lasse vom Fußball nicht ab. Was auch immer passiert? Was auch passiert!

Jol hat alles erlebt. Er ist gefeiert worden als Chef bei den Tottenham Hotspurs in England, 15 Monate lang hielten sich seine Vorgänger im Durchschnitt im Amt. Jol hielt fast vier Jahre durch, dann merkte er, dass etwas nicht mehr stimmte. Die ersten Indiskretionen in den Zeitungen, "die Leute um mich herum wurden plötzlich leise, gingen mir aus dem Weg, so ist das immer".

Trainer – ein Beruf mit ganz eigenen "Ingredienzen", wie Jol es formuliert. Wie bringt man Profis das Gewinnen bei? "Reize setzen", sagt Jol. Wie das geht, haben Meister Wolfsburg und Meister Felix Magath eindrucksvoll bewiesen. Obwohl sich der Trainer mitten im Titelkampf mit seinem neuen Arbeitgeber Schalke einig wurde, den Elan der Wolfsburger habe das nicht gestoppt. "Magath hat seinen Leuten eingebläut, dass der Erfolg wichtig ist, sonst nichts." Vielleicht habe Magath auch "die Kohle" beschrien, untypisch für den Kollegen sei das nicht. "Jedenfalls hatten die Spieler verinnerlicht, dass sie nie mehr Deutscher Meister werden, dies war die einzige Chance." Auf den Trainer sei es in Wolfsburg da gar nicht mehr angekommen.

Für einen Moment schaut Jol auf die Stehtribüne des Hamburger Stadions, wo Arbeiter mit schwerem Gerät den Müll des letzten Heimspiels von den Treppen blasen. "Die Mannschaft ist der Star, nicht etwa einer alleine", das ist sein Satz. Dass die Fußballgötter manchmal anders planen, weiß er auch. Wenn etwas typisch für die vergangene Saison gewesen sei, dann seien es die großen Soli in den Strafräumen gewesen, geboten von den Torjägern der Liga. Mit Behagen erwähnt er Ivica Olić, den eigenen Mann, auch Mario Gomez vom VfB Stuttgart: "Wo stünde der Verein ohne ihn?" Einmal in Fahrt, kommt Jol auf den Aufsteiger aus Hoffenheim zu sprechen. Weniger auf den Trainer Rangnick, mehr auf den Kreuzbandriss des Stürmers Vedad Ibišević. "Wo stünde der Verein mit ihm?"