Wenn in diesen ökonomisch vermaledeiten Zeiten noch etwas Konjunktur hat, dann die Verknappung. Der Mensch spart, wo er kann; auch an Meinung. Immer öfter hört man in Gesprächen nur noch die Bemerkung "heftig" statt eines Kommentars. "Schulze wurde gestern entlassen." – "Heftig." Keine Spur einer Entrüstung, geschweige denn die Nachfrage, wie es Schulze nun gehe. Im Gegenteil: "Heftig" fungiert hier wie das Knoblauchsäckchen gegen Dracula; man hält es der Hiobsbotschaft entgegen, damit sie einem selbst nicht zu nahe kommt. "Der Meier ist gestern von Nachbars Hund gebissen worden." – "Heftig." – "Der Alfons und die Frieda haben sich scheiden lassen." – "Heftig." Schon möglich, dass die zwei sich einmal heftig liebten und der Hund heftig biss. So gesehen, pustet das "heftig" noch einmal Sauerstoff in eine nur mehr glimmende Empfindung. Zur Anteilnahme taugt es nicht; vielleicht zur Schadenfreude?

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