Wer in Hamburg eine Semmel bestellt, bekommt vom Bäcker höchstens einen schrägen Blick; genauso wie ein Friese, der in München zum Frühstück nach Schrippen verlangt. Doch nicht nur in der Lautsprache – also jener der Hörenden – existieren Dialekte. Auch in der deutschen Gebärdensprache sind regionale Unterschiede weit verbreitet. Will ein Süddeutscher etwa den Sonntag beschreiben, legt er seine Hände vor der Brust zusammen, als Zeichen für den Kirchgang. Norddeutsche hingegen streichen sich ihren feinen Sonntagsanzug über Brust und Bauch glatt. Ein Wort – unterschiedliche Gebärden, eine einheitliche Sprache gibt es noch nicht. Das soll sich nun ändern: Ein nordhessischer Verlag hat das erste hochdeutsche Wörterbuch für Gebärdensprache auf den Markt gebracht.

Für das Projekt sammelten die Autoren rund 50.000 Videos mit Gebärden. Ein Team aus Gehörlosen und Gebärdensprachdolmetscherinnen wählte 18.000 davon als Standard aus.

"Dabei haben wir festgestellt, dass viele Unterschiede gar nicht auf Dialekten beruhen", sagt die Herausgeberin und Verlegerin Karin Kestner. Gerade ältere Gebärdennutzer übersetzen etwa zusammengesetzte Wörter eins zu eins aus der Lautsprache der Hörenden: Einen Wolkenbruch demonstrieren sie oft mit den Zeichen für "Wolke" und "Bruch", statt einfach starken Regen darzustellen. Diese Orientierung an den Hörenden zeugt von einer schweren Vergangenheit: Die Gebärdensprache wurde in Deutschland lange unterdrückt und erst 1998 von einzelnen Bundesländern anerkannt. 2002 folgte schließlich der Bund und verankerte sie im Sozialgesetzbuch und im Gleichstellungsgesetz.

Die Unterdrückung reicht weit zurück. Ausgangspunkt war ein internationaler Kongress der hörenden Taubstummenlehrer in Mailand im Jahr 1880. Mit dem Argument, Gehörlose ließen sich per Lautsprache besser in die Gesellschaft integrieren, verbannten die Pädagogen die Gebärdensprache aus den Gehörlosenschulen und unterrichteten stattdessen Lippenlesen und Sprechen. Gebärdeten die Gehörlosen doch einmal, gab es kein Pardon. Einzelnen wurden gar die Hände auf den Rücken gebunden, um sie ruhigzustellen. "Dadurch wurde die Gebärdensprache nie gelehrt und aufeinander abgestimmt, sondern hat sich über den Schulhof verbreitet", sagt Kestner. Das ist wohl der Hauptgrund, warum sich hierzulande kein einheitlicher Wortschatz entwickeln konnte wie zum Beispiel in den USA, wo die American Sign Language seit den 1960er Jahren erforscht und akzeptiert wird.

Heute weiß man, dass das Argument der Mailänder Pädagogen ein Trugschluss war: Studien – unter anderem von der Universität Hamburg – zeigen, dass Gehörlose die Lautsprache der Hörenden sogar besser erlernen, wenn sie zuerst die Gebärdensprache verinnerlichen und dann in ihr unterrichtet werden. Inzwischen sind vor allem jüngere Gehörlose immer öfter in der Öffentlichkeit zu sehen, die sich selbstbewusst mit Händen, Mimik und Körpersprache unterhalten.