Die dümmste und zugleich faszinierendste Frage ist "Was wäre, wenn…": Wenn wir schon am 2. Juni 1967 gewusst hätten, dass der "Fascho-Bulle" Kurras, der den Demonstranten Ohnesorg erschossen hatte, im Nebenberuf Stasiagent war? Diese Frage entzieht sich logischerweise jeglicher Beweisführung, aber seine Fantasie ausleben kann jeder, je nach Ideologie und Biografie.

Muss die Geschichte umgeschrieben werden? Das wird sie andauernd, aber nur, wenn wir Neues in ihr selber finden. Wenn wir zum Beispiel aus Akten und Berichten erführen, dass die Stasi West-Berlin und die Studenten- und Friedensbewegung fester im Griff hatten, als wir wähnen. Aber das hat mit Recherche, nicht mit Meinungen zu tun.

Trotzdem soll hier eine Meinung gewagt werden, wiewohl eine, die im Strom der Geschichte, nicht der Spekulationen schwimmt. Diesen Strom hat der Tod des Studenten nur genährt, aber nicht geschaffen. Die Kulturrevolution im Westen wurde nicht am 2. Juni 1967 in Berlin, sondern am 1. Oktober 1964 in Berkeley, Kalifornien, geboren.

Hierzulande glaubt man gern, dass "68" eine ödipale Revolte der Nachgeborenen gegen ihre Nazieltern war. Das ist zu germanozentrisch. Der Aufruhr wanderte von der amerikanischen Westküste an die Ostküste (wo dieser Autor im Herbst 1964 nach einer Rathausbesetzung nicht sehr heldenmütig eine Nacht im Knast verbrachte), dann nach West- und Osteuropa (siehe Prager Frühling 1968) und rund um die Welt nach Japan.

Die Umstände variierten von Land zu Land (Bürgerrechte, Vietnam, Versteinerung, dazu Sex, Rock und Gras). Dem Tod Ohnesorgs entsprach im größeren Maßstab das "Kent-State-Massaker" von 1970, bei dem Nationalgardisten in den USA vier Studenten erschossen. Acht Millionen streikten darauf in Amerika, selbst Highschools wurden geschlossen. Doch waren diese Tragödien nur Brandbeschleuniger, nicht Brennholz. Wir werden auch nie wissen, ob die Revolte Ursache oder Wirkung war, die Studenten Träger oder Getragene waren. Marx wäre jedenfalls gegenüber dem Vaterschaftsanspruch der Jungen skeptisch gewesen. "Die Menschen machen ihre eigene Geschichte", schreibt er in Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, der immer noch besten Revolutionsanalyse, "aber sie machen sie nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen."