In dieser Krise ist vieles "historisch". Das Ausmaß. Die Bankenrettung. Die Schuldenlast. Auch die scheinbare Rettung von Opel ist geschichtsträchtig, nur nicht so, wie es die Große Koalition gern hätte. Opel, das ist eine Wende zum Schlechteren, weil sich Berlin zum Retter am falschen Objekt aufgeschwungen hat und nun kein glaubwürdiges Urteil bei anderen Konzernen mehr fällen kann. Spätestens jetzt steht fest: Diese Regierung betreibt nur noch Wahlkampf. Alles andere, vor allem die Neuordnung der Finanzmärkte, ist aufgeschoben – und damit weitgehend aufgehoben.

Niemand hat die Lage treffender beschrieben als Angela Merkel. Für sie sei entscheidend, erklärte die Bundeskanzlerin, "dass die Risiken einer Alternative für mich politisch absolut nicht verantwortbar sind". Genau. Eine Insolvenz von Opel hätte Frank-Walter Steinmeier ein Thema geliefert und dem Gegner vielleicht Stimmen eingetragen – unterstellt, die Wähler sind wirklich so dumm.

Das jetzige Manöver ist wirtschaftlich riskant, die Gefahren werden aber erst später virulent. Noch ist nicht einmal sicher, ob Magna gemeinsam mit den Russen bei Opel wirklich einsteigt. Schlägt der Plan fehl, könnte der Steuerzahler um 1,5 Milliarden Euro ärmer sein. Kommt es zum Verkauf, muss er weitere drei Milliarden Euro garantieren – und eventuell in ein paar Jahren erleben, dass die russischen Kapitalgeber die Produktion und damit Jobs gen Osten verlegen. In jedem Fall leiden nun die anderen Autohersteller mit ihren Überkapazitäten unter der Subvention für den Wettbewerber. Auch die deutschen!

Opel ist kein Opfer der Krise, sondern ein Opfer schlechter Konzernführung. Die Fabriken des Unternehmens sind auch kein Zukunftslabor, daran ändert das Gerede von "New Opel" nichts. Doch die Regierung hat alle Grenzen der Hilfsbereitschaft aufgehoben. Keiner, der aus der Rettungsaktion unbeschädigt herauskäme. Bestimmt nicht Steinmeier, der eine Pleite schon ausschloss, als die Fachminister noch mit Bietern verhandelten – und den Kabinettskollegen damit das Pokerblatt aus der Hand schlug. Auch nicht Karl-Theodor zu Guttenberg, der zwar für eine Insolvenz eintrat, aber vor allem die große Pose suchte.

Gelernt hat daraus offenbar niemand. Denn alle machen nun Karstadt zum nächsten Politikum und prüfen Volkes Stimmung, bevor die eigens berufenen Fachleute urteilen können. Jeder Fall liegt anders, aber jeder wird jetzt wahlpolitisch entschieden. Viel zu oft wird dabei ein Ja herauskommen. Man muss kein eingefleischter Marktwirtschaftler sein, um diesen unverantwortlichen Umgang mit unser aller Geld zu geißeln.

Was noch schlimmer ist: Die Politik vergeudet Energie mit Symbolthemen. Erst war es der Streit um Steuersenkungsversprechen, die nie eingelöst werden können. Dann stand wochenlang Opel im Mittelpunkt, jetzt geht es weiter mit Karstadt. So kann man vielleicht in normalen Zeiten agieren. Aber noch vor einem Vierteljahr drohte die Kernschmelze des Finanzsystems; der Bund setzte eine halbe Billion Euro ein, um Banken vor dem selbst verschuldeten Kollaps zu bewahren. Und jetzt schon wieder business as usual? Wollten wir nicht den Kapitalismus umbauen, damit sich das Drama nicht wiederholt?

Charakteristisch für diese Krise ist ihre Rasanz. Mit demselben Tempo ist nun der Optimismus zurückgekehrt. Die Politik darf sich aber nicht dem – reichlich verfrühten – Aufatmen anschließen und sich in den Wahlkampf davonstehlen. Bald schon könnte die Gelegenheit verstrichen sein, das Regelwerk der Finanzmärkte umzuschreiben.