Es ist ganz einfach: Man muss bloß mit einem Kruzifix herumfuchteln, schon hat man die Themenführerschaft im Wahlkampf ergattert. Eine verbale Attacke auf den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, dazu ein dummes antiisraelisches Inserat, und der innenpolitische Diskurs dreht sich nur noch um eine Partei. So viel Aufmerksamkeit, wie sie nun der FPÖ zukommt, kann man gar nicht bezahlen. In diesem Sog driftet das Land zunehmend nach rechts.

In Österreich ist es nicht ein harter und gewaltbereiter neonazistischer Kern, der sein Unwesen treiben würde. Der ist vermutlich sogar schwächer ausgebildet als in vielen anderen europäischen Staaten. Aber es mangelt vor allem an einer klaren gesellschaftlichen Abgrenzung gegenüber nationalistischen Ressentiments. Ein altes Defizit, älter als die Republik. Vor 30, 40 Jahren gelang es allerdings SPÖ und ÖVP noch, mehr als 90 Prozent der Wähler dazu zu veranlassen, dennoch einer der beiden staatstragenden Parteien die Stimme zu geben. Der Protestwähler war eine rare Spezies.

Diese Zeiten sind vorüber. FPÖ und das abgesplitterte BZÖ schicken sich sogar an, die stolzesten Erfolge von Jörg Haider zu übertrumpfen. Heute gelingt es weder SPÖ noch ÖVP, all die widersprüchlichen Wählerwünsche in ihre breite Gesinnungsgemeinschaft zu integrieren. Dem Parteienstaat von gestern brechen heute hauptsächlich deshalb die Jungen weg, weil er ihnen nichts mehr zu bieten hat. Weder Arbeitsplätze bei Post und Bahn noch in der verstaatlichten Industrie oder im staatlichen Bankensektor. Selbst die Stadt Wien und die niederösterreichische Landesregierung, einst Bastionen des Patronagesystems, können unter dem Druck der Finanzkrise nur noch eingeschränkt ihre Gefolgsleute mit Jobs bei der Stange halten.

Was Wunder, dass Zukunftsängste vor allem junge Leute mit prekärer Lebensperspektive dem plebejischen Tribunen HC Strache in die Arme treiben, dessen manisches Selbstdarstellungsbedürfnis zusätzlich hohen Unterhaltungswert besitzt? Das Rezept ist so neu nicht. Man nehme ein paar Sündenböcke – "artfremde" Minarette oder "EU-Verräter" – und verstärke diese Diffamierungen um eine Prise "Antizionismus". Das alles in frecher Rebellenpose in die Welt geschrien. Viel mehr ist nicht nötig, um stark zu punkten.

Natürlich fragen jetzt alle Wohlmeinenden, warum denn Schule und politische Bildung versagen. Doch jedes Schulsystem wird von einem Bildungsauftrag maßlos überfordert, der aus akutem Anlass erteilt wird und möglichst rasche Besserung bringen soll. Wenn schon, dann hat eine Bildungspolitik versagt, die noch immer einen Großteil der Jungen in die Sackgasse Hauptschule abschiebt. Und versagt haben Parteien, denen partout nichts einfällt, was an die Stelle der antiquierten Lagermentalität und des Protektionismus, der vom gesellschaftlichen Wandel überrollt wurde, treten könnte.

Die USA sind da bereits einen Schritt weiter. Dort gelang es einer politischen Auseinandersetzung, über Monate hinweg breite Schichten zu fesseln. Der Vorwahlkampf von Barack Obama und Hillary Clinton mobilisierte gerade auch diejenigen, die ansonst für Politik kaum zu interessieren sind. SPÖ und ÖVP aber wagen es nicht, ihre Spitzenkandidaten in einem offenen Prozess zu bestimmen. Vielmehr wird verbrauchtes Personal, ein Ernst Strasser etwa, aus dem Hut gezaubert. Politiker, die Kadergehorsam vermissen lassen, wie Herbert Bösch beispielsweise, werden abgeschoben. Und die erste Garnitur nominiert der Herr der Kronen Zeitung . Das ist nicht demokratisch – und schon gar nicht unterhaltend.