Warum ist der Fall des dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf nicht lediglich ein weiteres jener Ärgernisse, die in Österreich zu den Mühen des Alltags gehören? Wenn ein Alter Herr der schlagenden Burschenschaft Olympia den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, der sich ebenfalls oft einer unverblümten Ausdrucksweise bedient, anrüpelt und ihn zeiht, der "Ziehvater des antifaschistischen Linksterrorismus" zu sein, so ist dies eine private Angelegenheit, die allenfalls ein juristisches Nachspiel haben mag. Um eine Staatsaffäre handelt es sich dabei keinesfalls, auch wenn der Rüpel seinen Lebensunterhalt mit Politik verdient.

Im gegenständlichen Fall besteht aber ein bedeutsamer Unterschied. Nicht ein Staatsbürger hat hier einen anderen Staatsbürger mit einer möglicherweise ehrenrührigen Bemerkung geschmäht, sondern ein zumindest protokollarisch hoher Repräsentant der Republik hat den obersten Repräsentanten des österreichischen Judentums diffamiert. Das ist allerdings eine Staatsaffäre.

Es bleibt auch eine, selbst wenn die Spitzen der Regierungspartei ÖVP das nicht erkennen können und nicht einsehen wollen, dass sie nun Konsequenzen ziehen müssten. Opportunismus macht bekanntlich häufig blind. Vermutlich würde es sogar der konservativen Aufmerksamkeit glatt entgehen, sollte Volksgenosse Graf eines Tages mit einer Runenbinde am Arm den Vorsitz im Nationalrat führen.

Aber auch der Kanzlerpartei SPÖ steht der Furor, mit dem sie nun die Abwahl des Schandmauls fordert, schlecht zu Gesicht. Wie haben sich die Sozialdemokraten vor acht Monaten gewunden, um die Wahl dieses Freiheitlichen in das Präsidium des Parlaments nicht verhindern zu müssen. Der Mann war bereits damals ein beschriebenes Blatt: kein Radau-Nazi, gewiss, sondern einer dieser deutschvölkischen Traditionalisten, die ihr Gedankengut zumeist in gediegene Worte zu kleiden verstehen. Jetzt behaupten die roten Pharisäer, sie hätten nicht ahnen können, was tatsächlich in dem Kerl stecke. Auch diesfalls: Opportunismus macht blind.

Es stimmt, in Österreich wird zu oft die Nazi-Keule geschwungen, und viel zu häufig trifft sie dann einen kleinen Wicht, der blöd in die Gegend geblafft hat. Der Fall Graf verlangt jedoch nicht nach der rituellen Empörung, wie sie gebräuchlich geworden ist, jedes Mal, wenn es im braunen Sumpf blubbert. Er hätte, aus Staatsräson, nach einem raschen und entschlossenen Schritt all jener Kräfte verlangt, die im antisemitischen Kalkül kein Kavaliersdelikt sehen. Dazu ist es nach dem jämmerlichen Eiertanz der vergangenen Woche nun zu spät. Martin Graf bleibt voraussichtlich in seinem Amt kleben, und er kann dort dem Ansehen des Landes nur deshalb noch geringen Schaden zufügen, weil es darum ohnehin seit Langem schlecht bestellt ist. Ein Schandfleck für das Parlament und dessen Mandatare bleibt er trotzdem.