Er würde jetzt gern etwas Nettes sagen, man kann es ihm ansehen, ein paar aufmunternde Worte. Dass alles halb so schlimm ist zum Beispiel, dass sie es schon packen werden. Doch er darf nicht. Das wäre gegen das Reglement. Und so steht Gerald Zimmermann, 58, nur da, unbewegt für einen Moment, und blinzelt mit zusammengekniffenen Augen über das Aufgabenheft hinweg auf 20 Neuntklässler vor ihm. Sie sitzen an Einzeltischen, verteilt auf drei lange Reihen, vielen ist die Verwirrung ins Gesicht geschrieben, anderen der Frust, weil sie die englischen Stimmen nicht verstehen, die aus dem CD-Player vorn an der Tafel kommen.

Es ist 9.07 Uhr an diesem Bilderbuchfrühlingsmorgen in Magdeburg, die Bäume wiegen sich sattgrün im Sonnenlicht, doch für die Schüler im ersten Stock der Sekundarschule Thomas Mann könnte in dieser Minute vor den Fenstern ebenso gut der Schnee treiben. Sie sind in einer anderen Welt gefangen, sie heißt "Überprüfung der Bildungsstandards im Ländervergleich". Überall in Deutschland treten zu dieser Stunde Neuntklässler an, um zu zeigen, was sie können. Ob sie genug können. Sie säßen hier nicht nur für sich selbst, sie säßen hier als Repräsentanten ihrer Schule, ihres Bundeslandes, hat ihnen der Schulleiter in seiner kurzen Ansprache eingeschärft, bevor es losging. Dann kam Gerald Zimmermann. Zimmermann ist ihr Tester. Früher war er selbst mal Lehrer. Jetzt ist er Schulrat. Schon 2006 hat er beim Pisa-Vergleich vor Klassen gestanden und sich bemüht, mit seinen sparsamen Gesten gleichzeitig Ruhe, Unnahbarkeit und gute Laune auszustrahlen. Mehr kann er nicht tun. Alles, was er darf, steht in der Broschüre für Testleiter, die ganz oben lag in dem Paket mit den Aufgaben, dessen Empfang und Geheimhaltung er hat schriftlich bestätigen müssen: Er darf alle Anleitungen und Fragen genauso vorlesen, wie es im Aufgabenheft steht. Sonst nichts. Kein persönliches Wort. Keinerlei Hilfestellungen.

Zimmermann leidet still mit, während die 20 Schüler auf die dumpfen Stimmen aus dem CD-Player hören, Radioclips aus Amerika und Großbritannien, über Nichtraucherkampagnen, das Peace Corps und die Musikvorlieben eines englischen Popsternchens. Die Schüler sollen ihr Hörverstehen beweisen, wie die Fachleute das nennen. Zimmermann sieht, wie sie allmählich die Köpfe hängen lassen, weil die fremden Stimmen ein Englisch reden, wie sie es nie zuvor gehört haben. Irgendwann verstummt der CD-Player, Zimmermann wartet einen Moment und kündigt in ruhigem Ton den nächsten Block an: Aufgaben zum Leseverstehen. Danach Pause. Dann wieder Hörverstehen, diesmal in Deutsch. Dann wieder Leseverstehen. Dann wieder Hörverstehen. Danach Pause. Dann der Fragebogen zur Person, weitere 53 Fragen.

Um 12.20 Uhr steht Gerald Zimmermann immer noch im Klassenraum, doch die Tische vor ihm sind jetzt leer. Gerade sind die letzten Schüler aus der Tür gestürmt. Es sah ein bisschen nach Flucht aus. Zimmermann zwängt den Stapel mit den 20 Aufgabenheften in einen Pappkarton. Gleich wird er das Paket zur Post fahren. Und jetzt darf er endlich wieder reden. "Die eine oder andere Frage könnte man weniger steif formulieren", sagt er vorsichtig. Er weiß, dass das Berliner Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), das die Fragen entwickelt, gar nicht anders konnte, als den Testern jedes Wort vorzuschreiben, weil nur so überall in Deutschland die gleichen Bedingungen herrschen, wenn 40000 Neuntklässler geprüft werden.

Zimmermann mag sich auch nicht auf die Diskussion einlassen, ob all die Leistungstests die Schüler nun wirklich besser machen, weil sie Qualitätsstandards etablieren. "Die Schülergeneration von heute ist mit zentralen Lernkontrollen aufgewachsen", sagt Zimmermann und lobt die gute Vorbereitung und Konzentration seiner Schüler während des Marathontests. "Für die Jugendlichen ist das inzwischen ganz normal", fügt er noch hinzu, bevor er in seinen schwarzen Opel steigt. So, wie es für einen Schulrat von heute offenbar ganz normal ist, alle paar Jahre der Tester zu sein.

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