Wir füttern das Ungeheuer mit über 55 Milliarden Franken pro Jahr. 1960 haben noch 1,8 Milliarden gereicht. Aber heute schiebt ihm jeder Mensch, der in der Schweiz wohnt, weit über 7000 Franken in den Rachen. Und es wird immer gefräßiger, es will mehr. Es gehorcht seiner Natur. Das Monster heißt Gesundheitssystem, und man muss vor dieser Kreatur, welche die Schweizer in den vergangenen Jahrzehnten geschaffen haben, in Ehrfurcht erstarren.

Denn wo gibt es so etwas: ein Monster, das alle lieb haben? In Trickfilmen aus Hollywood und in der Schweiz. Die obligatorische Grundversicherung deckt fast alle unsere täglichen Bedürfnisse ab, sie zahlt den Psychoanalytiker, den man doch in diesen Zeiten immer mal wieder braucht, sie zahlt auch die Kur in den Bergen, die der geplagte Rücken nötig hat, und die Kügelchen des Homöopathen, der immer so schön zuhört, sind jetzt auch inbegriffen. Ein Arzt, der einem Linderung für die Zipperlein des Alltags verschreibt, findet sich immer. Man kann hierzulande in ein Krankenhaus spazieren, und sofort kümmert sich eine Notfallschwester fachgerecht um die Schnittwunde am kleinen Finger. Die Ärzte sind freundlich, die Medikamente, Therapien und Apparaturen immer auf dem neuesten Stand. Gerne erzählen wir das in London, Berlin und Washington, wo man nicht so verwöhnt ist. Ja, es ist ein Gesundheitsparadies, das wir uns hier eingerichtet haben. Und das lassen wir uns etwas kosten.

Im Gesundheitswesen zeigt sich, dass der Mensch kein rationales Wesen ist

Das Krankenversicherungsgesetz (KVG) ist in der Schweiz nie wirklich reformiert worden. Einst eingeführt, um die sehr unterschiedlichen Leistungen der Kassen zu vereinheitlichen und um soziale Gerechtigkeit zu gewährleisten, ist die Geschichte des KVG eine Geschichte der Kostenexplosion.

Im kommenden Jahr werden die Krankenkassenprämien drastisch steigen, mancherorts über 20 Prozent. Aber das kümmert die wenigsten. Denn der Staat nährt das Monster heute ja schon zu 60 Prozent, mittels Sozialversicherungen und Prämienverbilligungen, ein Flugblatt macht rechtzeitig jeden nicht ganz so gut situierten Einwohner des Landes auf diese Gelegenheit aufmerksam, alles schön anonym und spielend leicht zu beantragen. Das ist krank, aber es macht uns ja immer noch gesund, die Lebenserwartung wächst und wächst.

Niemand hat mehr einen Gesamtüberblick über das System, das eigentlich in 26 verschiedene kantonale Systeme zerfällt, zu viele Leistungserbringer sind beteiligt, die sich gegenseitig die Kosten zuschieben, ein tausendarmiges Monster. Trennt ein edler Ritter einen Arm ab, wachsen ihm fünf neue nach. Es ist nicht zu bändigen.

Ein paar Unverdrossene versuchen es dennoch, etwa Gesundheitsminister Pascal Couchepin. Aber auch ihm, dem von den Interessen anderer Gefesselten, fällt nur so etwas Aufwendiges und schließlich Nutzloses wie eine Praxisgebühr von 30 Franken ein.

Der Vorschläge, die Kosten zu reduzieren, sind viele, sie kommen aus allen Ecken, aber sie dienen leider zu oft nur den Interessen derjenigen, die sie äußern – der Pharmaindustrie, der Ärztelobby, den Patientenvereinigungen. Jeder in diesem System spielt ein doppeltes Spiel, niemand will wirklich, dass sich etwas ändert. Und die Krankenkassen jammern zwar, aber sie sind zum Handeln nicht gezwungen, sie können die Prämien erhöhen – und ihren Chefs sehr gute Gehälter auszahlen.