Nils Jent ist blind, körperbehindert, auf den Rollstuhl angewiesen und kann sich nur unter großer Anstrengung artikulieren, und auch dann nur in der verwaschenen, schwer verständlichen Sprache jener Menschen, die einen Hirnschaden erlitten haben. Wer dem gebürtigen Aargauer zum ersten Mal begegnet, läuft Gefahr, ihn als geistig behindert einzustufen, als Wesen, definiert in erster Linie durch seine Mängel. Das ist ihm bewusst, sehr bewusst sogar, denn der 47-Jährige verfügt über einen wachen Verstand. "Ich bin darauf angewiesen", nuschelt er und zwingt sein Gegenüber zu einer ungewohnten Art von Aufmerksamkeit, "dass sich die Umgebung auf mich einlässt und mir etwas mehr Zeit und Geduld schenkt." Wer das macht, erfährt, dass ein Doktor der Betriebswirtschaftslehre vor ihm sitzt, der seiner Behinderung zum Trotz die Professur anstrebt. Ein blitzgescheiter Mann, der seinen Haushalt weitgehend selbstständig besorgt.

"Ich war nach meinem Motorradunfall wie ein Stück Holz"

Seine Wohnung am Fuße der Hochschule St. Gallen (HSG), seiner beruflichen Wirkungsstätte, ist mit Bedacht eingerichtet: sparsam möbliert, frei von Bodenschwellen und Teppichen. Sie wirkt ein wenig nüchtern, bietet aber einen atemberaubenden Blick auf die Stadt. Dass er selber diese Aussicht nicht genießen kann, nimmt er mit der Gelassenheit eines Menschen hin, der aus der Not eine Tugend gemacht hat: "Dafür habe ich ein so fein entwickeltes Gehör wie nur wenige und kann Stimmen so gut ›lesen‹ wie die anderen Gesichter."

Sein Gehör war das einzige Sinnesorgan, das nach jenem Motorradunfall im Jahr 1980 noch intakt war, nach dem ansonsten nichts mehr war wie ehedem. Jent lag blind, stumm sowie bewegungsunfähig in einem Spitalbett und hatte jedes Körpergefühl eingebüßt: "Ich war wie ein Stück Holz und wusste nicht, ob das, was ich da gerade erlebte, tatsächlich Realität war oder ob ich in einem Albtraum festsaß. Gott sei Dank hatte der Schock auch jede Angst blockiert." Er hatte zahlreiche Brüche erlitten, einen Darm- und Leberriss sowie eine linksseitige Lungenperforierung. Eine fast fünfstündige Notoperation wurde durchgeführt. An deren Ende setzte sein Herz für etwa acht Minuten aus, was sein Hirn in Mitleidenschaft zog. Daraufhin fiel Jent für drei Wochen ins Koma – ein medizinisches Wunder, dass er überlebte. Sehr bald realisierte der damals 18-Jährige aber, dass er "noch völlig klar im Kopf" war, und brannte darauf, sich mit den Ärzten und seinen Eltern zu verständigen. Nur wie? Sein verzweifeltes Bemühen, sich ohne Sprache und Gestik mitzuteilen, führte zu dramatischen Missverständnissen. Da fiel seiner Mutter auf, dass er seine Augenlider bewusst heben und senken konnte. Von dem Moment an kommunizierten die beiden, indem die Mutter ihrem Sohn die Buchstaben des Alphabets aufsagte und er mit einem Lidschlag diejenigen wählte, die er zum Zusammensetzen eines Wortes brauchte. Die Methode funktionierte: "Sie befreite mich aus der totalen Isolation. Alle merkten endlich, dass ich ja alles verstehen konnte und geistig fit war."

In der rund sechsjährigen Rehabilitationszeit lernte Jent, wieder zu sprechen, sich teilweise zu bewegen, sich selber zu waschen, anzuziehen und Mahlzeiten in der Mikrowelle aufzuwärmen. Seine Körperempfindungen kehrten zurück. Das Wichtigste aber sei gewesen, so Jent, dass er gelernt habe loszulassen. War er früher schnell, exzessiv, sportlich, ein begeisterter Musiker, so zwangen ihn seine Behinderungen nun zu Verzicht, Langsamkeit und hartnäckiger Ausdauer. Er habe das akzeptieren können, weil er in seinem ersten Leben alles sehr bewusst und intensiv ausgekostet habe und weil ihm sein zweites inzwischen so viel Spannendes biete, das er mit derselben Leidenschaft pflege wie einst den Sport oder die Musik.

Mit 27 Jahren holte er die Matura nach. Seine Mutter hatte ihm den Schulstoff in monatelanger Arbeit auf Tonbandkassetten gesprochen. Er wusste, dass sein Kopf immer sein wichtigstes Arbeitsinstrument sein würde. Das Studium an der HSG absolvierte Jent nahezu in Minimalzeit. Hierfür hatte der Mann, der sein Leben seit dem Unfall als "eine einzige Reihe von Selbstüberlistungen" beschreibt, ein Gerät erfunden, das ihm seither unschätzbare Dienste leistet. Er entwickelte eine Tastatur für seinen sprechenden Computer, die es ihm erlaubt, einzig mit dem Daumen der rechten Hand, seinem beweglichsten Finger, alle Möglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung auszuschöpfen. Das Resultat: Mails von Nils Jent sind sprachlich perfekt und frei von Tippfehlern.

Behinderte können berufliche Teams erfolgreicher machen

Als ihn Professor Martin Hilb von der HSG fragte, ob er bei ihm eine Doktorarbeit verfassen wolle, sagte Jent unter anderem deshalb zu, weil er der Vorurteile überdrüssig war, die in dem körperlich Schwerbehinderten immer auch den geistig Minderbemittelten sehen. "Das kleine Dr. vor meinem Namen räumt ein für alle Mal mit solchen Stereotypen auf", sagt er und grinst. Gleichzeitig nahm er sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit eines Themas an, das seinen beruflichen Werdegang prägen sollte: "Verschiedenartigkeit in der Arbeitswelt", heute bekannt als "Diversity Management". Dahinter steht die Idee, dass berufliche Teams, die sich auch aus Menschen mit Behinderungen zusammensetzen, bei bestimmten Aufgaben bessere Ergebnisse liefern als homogene Gruppen.

Wer, wenn nicht Jent, ist für dieses Thema prädestiniert? Er weiß, welche Bedürfnisse behinderte Arbeitnehmer haben und über welche Ressourcen und Qualitäten sie verfügen. So sei er selber zwar langsam im Verfassen von Texten, dafür jedoch auch besonders sorgfältig und präzise. Bei der gemeinsamen Arbeit an einer Studie sei es somit seinen nichtbehinderten Kollegen vorbehalten, zügig die bestehende Literatur zu durchforsten und einen Rohentwurf zu Papier zu bringen: "Ich mache dann daraus einen Edelstein, indem ich den Text auf Widersprüche sowie inhaltliche Defizite abklopfe, praktisch jeden Satz nochmals unter die Lupe nehme, bis das Ganze glänzt."

Nach der Promotion mit Auszeichnung wurde Jent zum Leiter des Diversity Centers IFPM-HSG berufen. In dieser Funktion ist er zu einer Art Botschafter für die Sache behinderter Arbeitnehmer geworden. Er lehrt an der HSG sowie an Fachhochschulen und hält in Unternehmen Vorträge über den Gewinn durch Diversität. Wer ihn einmal erlebt hat, vergisst ihn nicht.