Wer die Erinnerungsstätte in der ehemaligen DDR-Strafanstalt Bautzen II besucht, findet an einer Zellentür ein Foto von mir aus den sechziger Jahren mit knappem persönlichen Hinweis. Ob ich wirklich in dieser Zelle gesessen habe, wer weiß; in meinen fünfeinhalb Jahren in diesem Quartier zog ich an die zwanzigmal um, "möbeln" nannten wir das. Dann war unsereiner allein, zu zweit, zu viert, je nachdem. Im März 1959 brachte mich eine grüne Minna aus dem Roten Ochsen von Halle dorthin, ich war der 23. Zugang dieses Jahres, deshalb hieß ich bis zu meiner Entlassung 23/59. In anderthalb Jahren Stasihaft war ich selten satt geworden, das Hungern setzte sich fort. Auge und Ohr versuchten, aus Bruchstücken beim Ablaufen zur Freistunde oder zum Baden, aus Geräuschen ein Bild des Zellenbaus zu gewinnen. Schlagen einer Tür. Dohlen nisteten auf dem Dach gegenüber. Kohlgeruch. Wachtmeister klopften Signale mit dem Schlüsselbund auf dem Treppengeländer.

Wir steckten Drähte zusammen für das Fernsehgerät "Rubens"

Nach fast zwei Jahren Isolation wurde ich in einen Arbeitsraum geführt, ein Dutzend Augenpaare richteten sich auf mich. Wie viel haste mitgebracht? Siebeneinhalb. Ich hörte: Zehn, fünfzehn drei, sechs, ellell, ich begriff nicht gleich – lebenslänglich. Ich war normale Mittelklasse, kein Grund zur Aufregung. Wir steckten Drähte und Schläuche zusammen, so entstand ein Teil des Fernsehgeräts "Rubens". Einkauf für fünfzehn bis achtzehn Mark im Monat. Drei Zigaretten am Tag. Wo warste im Krieg? Wochenlang die Zuckerdebatte: Rübenzucker, Blutzucker, Kunsthonig, Melasse, Rohrzucker, zuckerkrank. Jeder wusste etwas, keiner genügend. Nachschlagen war unmöglich. Argument: "Du Arsch, schließlich hatte mein Onkel in Schlesien ’ne Zuckerfabrik!"

Allmählich erfuhr ich: In der Nacht vom 8. zum 9. August 1956 waren 124 Häftlinge aus dem Isolationstrakt Haus IV in Brandenburg hierher gebracht worden, unter ihnen der gekidnappte westdeutsche Journalist Karl Wilhelm Fricke, der später zu einem der wichtigsten Chronisten von Bautzen II werden sollte. "Die Brandenburger" bildeten den Häftlingsadel. Nach und nach begriff ich: Hier saßen Verurteilte aus Schauprozessen, Topspione, Menschenraubopfer und DDR-Prominenz, durchmischt mit etwa einem Drittel krimineller Stasileute, einige als Kalfaktoren tätig. Die Spitzel kamen aus beiden Lagern. Der Vorteil gegenüber fast allen anderen Zuchthäusern: "Herren" waren in der Mehrzahl, die versuchten, mit Anstand durch die üble Zeit zu kommen, sich nicht unterkriegen zu lassen; anderswo regierte die Unterwelt. Meine neuen Zwangskameraden, Kommunistenhasser durch die Bank, freuten sich sichtbar, dass nun der Autor des berühmten Romans Die Westmark fällt weiter zu spüren bekam, wie sich der real existierende DDR-Sozialismus an der Basis anfühlte.     Da saßen auch die, die diesen Sozialismus hatten reformieren wollen. Durchsichtiger sollte er sein, auf Überzeugung setzend, nicht auf der Suche nach Feinden überall bis hin zu Bauern, die eigenständig bleiben wollten, zu jungen Christen, Gastwirten und Gemüsehändlern. Werbend sollte er auftreten, nicht mit dem Knüppel, weil sich der Klassenkampf angeblich verstärke. Ohne Ulbricht sollte das vonstatten gehen und offenherzig gegenüber der westdeutschen Sozialdemokratie. In einer Art Dauerwut lebte Walter Janka, der schon bei den Nazis drüben im "Gelben Elend" gesessen hatte, der Spanienkämpfer. Wolfgang Harich, seit den Prozessen, in denen er gekuscht hatte, von Janka gehasst, durchlitt Herzattacken und Depressionen. Gustav Just riss sich immer wieder hoch: Gesund bleiben, tatkräftig zur Familie zurückkehren, freuen auf ein Leben voller Arbeit und Sonne. Ich mied Konfrontationen mit den Wachtmeistern und den Kumpel, so gut es ging. Das klappte nicht immer.

Anfangs quälte ich mich mit dem Gedanken, unschuldig verurteilt worden zu sein: Wir waren doch keine Staats-, keine Parteifeinde, wir hatten menschenfreundliche Ideen verfolgt, den Sozialismus erfolgreich werden zu lassen. Keine Spur, wir hätten unsere Ansichten gewaltsam durchsetzen wollen. (Ich erfuhr erst später, dass der Parteisekretär des Leipziger Schriftstellerverbandes mitgeteilt hatte, ich sei verhaftet worden, weil in meinem Keller massenhaft Waffen gefunden worden wären, bestimmt für einen Aufstand.) Es dauerte Jahre, bis ich begriff: So war der Ulbrichtsozialismus, wer anders dachte, landete im Knast. Eispickel und Eismeerkälte hatten ausgedient, die gängigen Mittel lauteten Waldheim, Hohenschönhausen und Bautzen. Die Kommunisten erklärten mich zum Feind, also blieb mir nichts anderes übrig, als Feind zu sein. (Das erklärte ich später einmal dem Ost-West-ausgleichsfreundlichen SPD-Generalsekretär Peter Glotz, und er entsetzte sich über meinen Trotz.)

Allmählich wurden die Haftbedingungen besser. Nicht mehr Duschen alle zwei Wochen, sondern jeden Samstag. Volleyball, die berühmte "Bücklingszeit", als die DDR mit einer Heringsschwemme gesegnet wurde und wir jeden zweiten Abend zum Abbau des Berges beitrugen. Als Kartoffeln knapp waren, aßen wir ein halbes Jahr lang Nudeln. Das waren aber keine Hartgriesköstlichkeiten, wie wir sie heute gewohnt sind, das war eine klebrige, konturlose Pampe. Nach seiner Entlassung hing einer meiner Kumpel einen Zettel in die Küche: "Nudeln haben sofortige Scheidung zur Folge!" Arbeit allmählich für alle, Arbeitsdruck allerdings auch: Am Jahresende fuhren wir in Sonderschichten die Pläne benachbarter volkseigener Betriebe aus dem Keller, wir durften Blutwurstgläser und Fischbüchsen kaufen und klatschten Margarine fingerdick aufs reichliche Brot. Haut rein, Jungs! Allmählich begriff ich, dass einer fünf Jahre brauchte, um hinter Gittern heimisch zu werden. Der Spruch der "Brandenburger", "Wir haben Warten gelernt", brannte sich mir ein.

"Tunnel-Dieter" brach aus, nach zehn Tagen hatten sie ihn wieder

1964 wurde ein Flügel für Frauen abgetrennt. Einige Eheleute lagen nun unter einem Dach, sie versuchten, über fünfundzwanzig Meter hinüberzufühlen; das sei, empfanden sie, wunderbar anders, als lägen zwischen ihnen die 159 Kilometer bis zum Frauenknast Hoheneck.