Der Mann, dem plötzlich Opel gehört, benimmt sich, als sei nichts Besonderes geschehen. Dieser Tag müsste seiner sein, der Tag nach der Übernahme, der Tag, an dem ein deutsches Unternehmen aus amerikanischer Hand befreit wird, befreit von einem Russen. Doch German Gref, vor 45 Jahren in Kasachstan geboren, weiß gar nicht, ob er sich freuen soll. Am Samstag, 30. Mai, empfängt Gref in Moskau ein Kamerateam des russischen Senders Westi-TV und sagt ein paar Sätze über die Automobilindustrie, die führende Technologie von Opel und eine "sehr gute Chance für Russland". Dabei verhaspelt er sich. In seinem Büro lassen die Topfblumen ihre Köpfe hängen.

Seit ein paar Stunden ist klar: German Gref, der Chef der staatlich kontrollierten Sberbank in Moskau, wird zusammen mit dem kanadisch-österreichischen Autozulieferer Magna die Adam Opel GmbH übernehmen. German Gref, Russlanddeutscher, Jurist, Goethe-Kenner, Freund der freien Marktwirtschaft, seit 2007 Präsident der ehemaligen Werktätigen-Sparkasse der Sowjetunion, tut, was Wladimir Putin von ihm verlangt: geostrategisch handeln. Durch internationale Kooperationen den eigenen Industrien Know-how beschaffen. Neue Märkte im Ausland erschließen. Opel kaufen. Aber was tut sich German Gref da an? Die Deutschen nennen ihn plötzlich einen Retter, aber was will er mit dieser Firma?

Eigentlich ist Gref gerade dabei gewesen, in die kasachische Großbank BTA einzusteigen, doch die Wirtschaftskrise hat Russland jetzt Opel geschenkt. Gref, der einst sagte, seine Bank sei nicht für Eroberungszüge im Westen gedacht, anders als der russische Energiekonzern Gasprom, dieser Gref ist vermutlich nur ein Zwischenhändler. Sollte Grefs Bank finanziell in Not geraten, würde ihr Putin helfen, mit Millionen aus dem russischen Ölreservefonds. German Gref lächelt nicht in die Kameras von Westi-TV, aber er hat seinem Land einen Dienst erwiesen. Es ist alles grandios gelaufen. Die Deutschen haben mitgespielt, in diesem Spiel um Märkte, Arbeitsplätze, Perspektiven.

Es kommt der Zeitpunkt, an dem der Knoten dann auch durchschlagen werden muss
Frank-Walter Steinmeier, SPD-Kanzlerkandidat und Außenminister, vor der Opel-Nacht

Wenige Stunden bevor Gref in Moskau auftritt, beginnt in Berlin die entscheidende Schlacht um Opel. Freitag, 29. Mai. Es ist kurz nach 18 Uhr, als Carl-Peter Forster den Kleinen Kabinettsaal im sechsten Stock des Kanzleramts betritt. Rotbrauner Buchenholztisch, acht Zentimeter dicke Fensterscheiben aus Panzerglas, Dolmetscherkabinen. Forster, der Europachef des amerikanischen Opel-Mutterkonzerns General Motors (GM), ist als einer der Ersten da.

Es ist kurz nach sieben, als draußen Frank-Walter Steinmeier vorfährt. Der Außenminister lässt seine Dienstlimousine vor dem Eingang des Kanzleramts stoppen. Dort steigt er aus, um seine ganz persönliche Agenda dieser Nacht zu verkünden. "Es kommt der Zeitpunkt, an dem der Knoten dann auch durchschlagen werden muss", sagt Steinmeier den wartenden Journalisten. Das heißt: Ich habe meinen Teil getan. Steinmeiers Leute haben in den Stunden zuvor gestreut, der Außenminister habe noch am Vortag mit seiner US-Amtskollegin Hillary Clinton telefoniert. An Steinmeier, das ist die Botschaft, wird die Rettung von Opel nicht scheitern. Zu deutlich hat der Kanzlerkandidat der SPD demonstriert, dass er Deutschlands Kämpfer für Jobs sein will.

Steinmeier will kein Agenda-Politiker mehr sein, sondern Opel-Kanzler

Es ist halb acht am Freitagabend, als die Kanzlerin den Kleinen Kabinettsaal betritt. Inzwischen ist auch Finanzminister Peer Steinbrück gekommen, Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Arbeitsminister Olaf Scholz. Und die Ministerpräsidenten der Bundesländer mit Opel-Werken sind da, Jürgen Rüttgers aus Nordrhein-Westfalen, Roland Koch aus Hessen, Dieter Althaus aus Thüringen, Kurt Beck aus Rheinland-Pfalz.