Als der Anwalt Paul Levi am 13. Juni 1919 eine Grabrede auf die Ermordete hielt, auf die Frau, die er einmal geliebt hatte, war er sicher, dass sie es war, die an diesem Sommertag vor seinen Augen beerdigt wurde. Rosa Luxemburg. Sie war es möglicherweise nicht. Die Grabrede, pathetisch, in heilsgeschichtlicher Metaphorik, vom politischen Furor jener mörderischen Monate zeugend, lag bis heute ungedruckt in den Archiven, und seitdem eine unbekannte Tote in der Berliner Charité gefunden wurde, die Rosa Luxemburg sein könnte, steht die Frage im Raum, ob die Beerdigung nicht nachträglich aus der Vergangenheit in die Zukunft verlegt werden müsste.

Dieser Junitag, an dem Levi seine Grabrede hielt, liegt nun 90 Jahre zurück, und was für eine List der Geschichte, die fortwährend Gedenktage auftischt: Während die Republik heute die Jubiläen der friedlichen Revolution und des Grundgesetzes feiert, wirft gerade die Frau wieder Fragen auf, die noch in jeder Feierstunde für Unruhe sorgen kann, weil sie sich gegen einfache politische Indienstnahmen aller Art sperrt: Rosa Luxemburg, die große Persönlichkeit der europäischen Arbeiterbewegung, revolutionäre Sozialistin, Anführerin des Spartakusbundes, wortstarke Gegnerin des Ersten Weltkriegs, eine promovierte Jüdin aus Polen, gelernte Botanikerin, studierte Volkswirtin und Philosophin, der deutschen Sprache mächtig wie nur die redensartlichen deutschen Dichter und Denker, und bei alledem, ohne die allfällige Sentimentalität gesagt: eine Frau, eine Liebende, und zwar wider alle Konventionen der linken (und sowieso der bürgerlichen) Männergesellschaft. Sie war so frei.

Die Frage, ob es sich bei der toten Unbekannten, die in der Charité gefunden wurde, um Rosa Luxemburg handelt, ist offen, und solange sich keine DNA-Proben auffinden lassen, bleibt die Vermutung eine Vermutung. Die Historiker sind sich nicht einig, der eine Luxemburg-Experte, Klaus Gietinger, hält den Fund nicht für Luxemburgs Leichnam, der andere Luxemburg-Forscher hingegen, Jörn Schütrumpf, meint wie der Rechtsmediziner Michael Tsokos, die Indizienlage sei überzeugend. Gleichwohl betonen beide, dass es ohne DNA-Proben Gewissheit nicht gebe.

In den Wahlkampfmonaten kann man nur sagen: Mediales Gezanke um die Exklusivrechte auf Luxemburg wird nicht gebraucht. Wissenschaftlich wie politisch ist bei dieser Toten Sorgfalt geboten – und Respekt. Rosa Luxemburg ist im Januar 1919 das Opfer einer Terrortat geworden, für die die Mörder nicht zur Verantwortung gezogen wurden. Die offizielle DDR hat sie zu einer Heiligenfigur überhöht, während die Mutigen prompt inhaftiert wurden, die bei der Gedenkzeremonie 1988 jenes Luxemburg-Wort öffentlich zum Besten gaben, das während der friedlichen Revolution noch viele bestärkte, bis die DDR kollabierte: dass die Freiheit immer die Freiheit des Andersdenkenden sei.

Nein, Rosa Luxemburg eignet sich nicht als Heroine der parlamentarischen Demokratie, sie eignet sich erst recht nicht dafür, die Heilige der kommunistischen Diktatur abzugeben, und die Revolution des Proletariats wurde nicht zu der Erlöserin, als die Luxemburg sie verstand. Dabei wäre allein ihre Bedeutung für die Revolution im Herbst 1989 heute Anlass genug, das Andenken der Toten würdig zu ehren und ihr in der politischen Erinnerung des vereinigten Landes den Platz zu geben, der ihr zusteht. Jener Paul Levi wurde übrigens im Frühjahr 1921 aus der KPD ausgeschlossen; als Kopf der linken SPD war er dann eine Schlüsselfigur der Weimarer Jahre, bis er 1930 durch einen Unfall umkam, ein Unglück für die junge Republik, wie der Historiker Arthur Rosenberg meinte. Heute will der Rechtsmediziner Tsokos durch seine Arbeit, ob in der Charité, im Kosovo oder in Bosnien, den Toten ihre Identität wiedergeben. Es wäre gut, Gewissheit darüber zu haben, an wessen Grab Paul Levi stand.