Bruno Sälzers Hoffnung hängt hinter Glastüren, die sich nur mit Codekarte öffnen lassen: die erste von ihm beeinflusste Escada-Kollektion für den nächsten Sommer. Sälzer ist seit zehn Monaten Vorstandsvorsitzender der einzigen deutschen Luxus-Damenmodemarke von Weltrang. Im Allerheiligsten, dem Showroom der Escada-Zentrale, streift Sälzer mit schnellen Schritten über weiß lackierte Böden vorbei an den Modellen für den Sommer 2010. Hier, vor den Toren Münchens im schmucklosen Gewerbepark Aschheim, gilt es jetzt den Geschmack der internationalen Luxus-Gemeinde zu treffen. Vor einer kopflosen Frauenbüste bleibt der Mann in Sakko, Jeans und Lackschuhen stehen. Sie trägt helles Pink, schulterfrei, bodenlang, über und über mit Tüll-Rosetten besetzt. Hollywood der fünfziger Jahre. "Das ist mein Lieblingskleid – im Moment", sagt Sälzer. Er lächelt einen Augenblick, doch dann verfinstert sich sein schmales, gebräuntes Gesicht.

Windstärke elf, und der Orkan steht noch bevor

Luxusmode ist ein schwieriges Geschäft. Nur der Zeitgeist zählt. Escada, weltweit sechstgrößter Damen-Luxusschneider, ist in Ungnade gefallen – bei den Modekritikern, bei den Fashion Victims und schließlich bei den Geldgebern. Der im S-Dax notierte Konzern steht am Abgrund. Einen Verlust von 70 Millionen Euro meldete der Konzern für das vergangene Geschäftsjahr bei einem Umsatz von 582 Millionen Euro. In den sechs Monaten bis Ende April fiel der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 16 Prozent, der Verlust lag bei 92 Millionen Euro. Der Verkauf des Tochterunternehmens Primera mit den Modemarken Apriori, Laurèl und Cavita hat weit weniger Geld eingebracht als geplant. Auch die Marke Biba wird in den nächsten Tagen verkauft. Weitere 30 Millionen Euro sollen die Liquidität des Modeherstellers sichern. Davon wollen die Escada-Großaktionäre, die Tchibo-Eigner Wolfgang und Michael Herz, bis zu 20 Millionen Euro beisteuern. Allerdings nur, wenn die Escada-Gläubiger ebenfalls einen Anteil leisten. Sonst droht dem Luxushaus mit über 4000 Mitarbeitern die Insolvenz.

"Windstärke elf" nennt Sälzer diesen Zustand und lächelt ein wenig verkrampft. Der stärkste Orkan steht noch bevor: Noch diese Woche will der Escada-Vorstand den Gläubigern einer 200-Millionen-Euro-Anleihe ein Tauschangebot für ein neues Papier unterbreiten. Sälzer hofft auf ein Wunder: Die Anleger sollen auf einen großen Teil der Rückzahlung verzichten und Escada so teilweise von den Schulden befreien. Gleichzeitig müssten Finanzinstitute wie die HypoVereinsbank neue Kredite gewähren.

Auch anderen Edelschneidern geht es schlecht. Für den internationalen Luxusgütermarkt erwartet die Unternehmensberatung Bain & Company 2009 einen Umsatzrückgang um mindestens 10 Prozent, von dem besonders die Edelschneider betroffen seien. "Luxuskäufer geben weniger aus, reisen weniger und sind weniger zuversichtlich", sagt Beraterin Claudia D’Arpizio. Vor wenigen Tagen erst hat der französische Haute-Couture-Schneider Christian Lacroix, mit 125 Mitarbeitern ein Mittelständler der Luxusklasse, Insolvenz angekündigt. Und das französische Modehaus Chanel verkündete schon zu Jahresbeginn Entlassungen. Auch der französische Luxuskonzern PPR, zu dem die Marke Gucci gehört, verzeichnete für 2008 einen um 20 Prozent geringeren Gewinn.

Der freie Fall Escadas ist aber nicht nur dem wirtschaftlichen Abschwung auf den wichtigen Luxusmärkten USA und Russland geschuldet, sondern vor allem verlorenem Stilgefühl. "Die Marke ist zwischen allen Goldstühlchen gelandet", meint Modedesigner Wolfgang Joop. Dass es den Wettbewerbern besser gehe als Escada, liege auch daran, dass die Marke in drei Jahrzehnten kein wiedererkennbares Symbol geschaffen habe – so wie es das Kostüm und die Tasche für Chanel sind. Joop glaubt, das Luxuslabel könnte mit dem Stil Erfolg haben, der die Society-Damen schon vor 20 Jahren in die Geschäfte gelockt hat: Glamour, Glitzer und Opulenz.

Plötzlich passten die Kundinnen nicht mehr in die gewohnte Größe

Wie konnte es so weit kommen mit der 1976 in München vom Ehepaar Margaretha und Wolfgang Ley gegründeten Firma – der einstigen Lieblingsschneiderei von Schauspielerinnen wie Kim Basinger und Demi Moore? Unter dem opulenten Glamour-Design des ehemaligen Models Margaretha Ley war Escada in den achtziger Jahren zum Weltmarktführer für Damen-Luxusmode aufgestiegen. Doch die Kreativchefin stirbt 1992 im Alter von 59 Jahren. Ihr Mann Wolfgang Ley verliert sich über die Jahre in erfolgloser Sanierungsarbeit, falschen Firmenzukäufen und altbackenem Design – bis er seine Anteile an Finanzinvestoren abstößt. Leys Nachfolgern auf dem Chefsessel gelingt die Wende auch nicht. Heute ruhen alle Hoffnungen auf Bruno Sälzer. Der Schwabe und promovierte Betriebswirt hat zuvor in sechs Jahren den Bekleidungshersteller Hugo Boss zu einem der weltweit führenden Anbieter für exklusive Herrenmode gemacht und gleichzeitig den Einstieg für eine Boss-Damen-Kollektion gefunden.