Etwas gouvernantenhaft und schwer besorgt beugen sich dieser Tage Politiker und Kommentatoren über die Europäer und fragen sich: Warum mögen die Wähler die EU nicht, warum bekunden sie so wenig Lust, am kommenden Sonntag zur Europawahl zu gehen?

Nun, an der Sache selbst kann es nicht liegen. Immerhin haben noch nie so viele Menschen auf diesem schönen, vielgestaltigen Kontinent so glücklich, friedvoll, ökologisch, sozial und frei gelebt wie heute. Und woanders geht es den Menschen gewiss auch nicht besser als hier, weder in Asien noch in Amerika, von Afrika zu schweigen.

Selbst in der vermaledeiten Wirtschaftskrise hält sich Europa bisher ordentlich. Ja, ja sagen die Kritiker, all das Gute sei eben Europa, das Schlechte hingegen die EU. Was allerdings kein überzeugendes Argument ist. Denn dass Europa funktioniert, der politische Seinsmodus dieses Kontinents hingegen nicht – das ist extrem unwahrscheinlich.

Vielleicht, so wird weiter geforscht, liege es an der Verkaufe. Wir müssen, behaupten die Gutmeinenden, Europa besser erklären. Lieber nicht, kann man da nur sagen: In der Zeitschrift Internationale Politik erläutert ein Mitarbeiter der Werbeagentur Scholz&Friends die eigene Pro-Europa-Kampagne. Man wolle zeigen, "wie die EU unser tägliches Leben beeinflusst und was jeder Einzelne entscheiden kann". Tatsächlich beeinflusst die EU den Alltag immer mehr, nur trägt der Wähler mit seiner Stimme wenig dazu bei, wie sie das tut, jedenfalls nicht mit seiner Stimme am 7. Juni. Wenn ein deutscher Wähler überhaupt auf die Politik der EU konkret Einfluss nimmt, dann bei der Bundestagswahl. Aus der geht eine nationale Regierung hervor, die wiederum weit größeren Einfluss auf die Brüsseler Politik nimmt als das EU-Parlament.

Den Menschen die EU "besser zu erklären", das heißt allzu oft, ihnen ein X für ein U vormachen zu wollen. Was die Leute merken, übel nehmen und mit Enthaltung quittieren.

Zwei Gründe für die weitverbreitete EU-Verdrossenheit seien also schon mal ausgeschlossen: 1. Die EU ist wirklich so schlecht. 2. Die Wähler verstehen es nicht.

Offenbar läuft etwas anderes falsch: Die EU ist das Opfer von falschen Vergleichen, von überharten Kritikern – und ihren größten Befürwortern.

Beschränken wir uns auf Letztere, weil sich der negative Effekt der Kritiker ohnehin von selbst versteht. Wenn die Europhoriker auf einen Kritiker oder einen Gleichgültigen treffen, so beginnen sie unverzüglich eine Tirade von den Vorzügen der EU. Doch können sie, selbst wenn ihre Argumente zutreffen, kaum jemanden überzeugen. Einfach weil sie selbst nicht wirklich überzeugt sind. Das wiederum liegt daran, dass die EU ihnen nie genug ist. Sie ist nicht so einheitlich wie eine nationale Regierung in London oder Paris, sie ist nicht so stark, schnell und entschlossen wie die USA, und sie fällt bestimmt bald zurück hinter China.