Mag die Krise toben, mag Karstadt untergehen und Opel nur vorerst gerettet werden – Ende dieser Woche beginnt für eine Viertelmillion deutscher Familien ein Fest des privaten Erfolgs. Ihre Kinder, die je nach Bundesland nun oder etwas später ihre schriftlichen Abiturnoten erfahren, haben es geschafft. Im Wettlauf um die attraktivsten Positionen, die dieses Land zu vergeben hat, haben sie mehr als die Hälfte ihres Jahrganges hinter sich gelassen. Und sofern es für ihre künftigen Erfolge noch formaler Bildung bedarf, legen ihre Zensuren eine erste Rangfolge fest.

Wie verändert die Wirtschaftskrise das Land und seine Bewohner? Was sie für die Kinder der Arbeitslosen bedeuten kann, das ist dieser Tage im Haus des arbeitslosen Werkzeugmachers Manuel Rosenkranz aus Wrist in Schleswig-Holstein zu besichtigen.

Jonathan Rosenkranz, 19 Jahre alt, Abiturient, ist in mehr als einer Hinsicht eine eindrucksvolle Erscheinung. Er ist fast so groß wie sein hochgewachsener Vater; man sieht ihm den Sportler an, und wer mit ihm spricht, den wundert es nicht zu hören, dass er an einem philosophischen Förderprogramm des Landes für besonders begabte Schüler teilnimmt. Er spricht mit dem rollenden R, das sein Vater aus dem Westerwald mit in den Norden gebracht hat; er hat auch dessen evangelikales Christentum begeistert angenommen; sein Temperament aber ist das eines 19-Jährigen, der gleichwertige Gegner sucht und selten findet.

Am Freitag wird er seine schriftliche Abiturnote erfahren; ob es zum Einser-Abi reichen wird, weiß er nicht, aber zum besten Drittel seines Jahrgangs wird er gehören. Er ist jung und voller Optimismus, er freut sich auf seinen Zivildienst, der in einigen Wochen beginnt. Der Gedanke, ausgerechnet Jonathan Rosenkranz für ein Opfer der Verhältnisse zu halten, erscheint auf den ersten Blick abwegig.

Und doch trifft ihn die Krise unter allen Mitgliedern der Familie Rosenkranz womöglich am härtesten. Wäre er der Sohn eines Arztes oder, sagen wir, eines Ministerpräsidenten, dann wäre sein weiterer Lebensweg vorgezeichnet. Er würde Medizin studieren und Arzt werden, er würde heiraten und viele Kinder bekommen, und all das würde er, weil er und seine Freundin das so möchten, gleichzeitig angehen. Das ist schwer, aber es ist möglich, Ursula von der Leyen, die Bundesfamilienministerin und Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, hat es vorgemacht.

Jonathan aber ist nicht der Sohn eines Ministerpräsidenten, und er lebt in einem Land, in dem die Finanzierung eines Studiums vor allem Sache der Eltern ist. Vor einigen Wochen hat sein Vater ihn beiseite genommen und Klartext geredet: Wenn Jonathan studieren wolle, dann werde er das selbst bezahlen müssen. Und darum bewirbt er sich dieser Tage bei der Polizei um einen Ausbildungsplatz.

Über diese Berufswahl spricht er mit erstaunlicher Gelassenheit. Er würde gern als Arzt in der Dritten Welt arbeiten, aber Polizist ist auch okay. Das sei eben Gottvertrauen, sagt er, breit grinsend: zu wissen, dass der Weg des Herrn ihn zu seinem Besten führen werde. Eine weltliche Deutung liegt aber ebenfalls nahe: Das Anspruchsdenken der Bürgerkinder, denen die Sicherung ihres sozialen Status selbstverständlich erscheint, ist dem Arbeitersohn Jonathan Rosenkranz fremd.