Gloucestershire in Südwestengland ist eine dieser Gegenden, die es mit der Schönheit übertreiben. Grüne Hügel fallen steil ab in bachdurchströmte Täler, auf deren Wiesen Pferde zwischen Butterblumen grasen. Die Cottages in den Dörfern wirken, als käme jeden Moment Miss Marple heraus, um ihre Stockrosen zu schneiden. Kein Wunder, dass der Landsitz des Prince of Wales in Gloucestershire liegt und auch die übertrieben schöne Kate Moss hier ein Wochenendhaus besitzt.

Eine Spezialität der Region ist der Double Gloucester, ein buttriger weicher Käse, der so sanft schmeckt, wie es sich in dieser Landschaft gehört. Und an diesen Käse knüpft sich ein nicht ganz so sanfter Brauch. Irgendwann hat jemand einen Laib Double Gloucester am Cooper’s Hill einen besonders steilen Hang herunterrollen lassen und beschlossen, ihm nachzulaufen. Das muss vor über zweihundert Jahren gewesen sein, denn so lang schon findet hier das "Cheese Rolling", das Käserollrennen, statt. "Einige glauben sogar, die Römer hätten es eingeführt", sagt der Zeremonienmeister Rob Seex, ein bärtiger Milchbauer aus der Gegend. "Aber im Grunde ist das ganz egal."

Die Rennstrecke liegt also auf dem Cooper’s Hill. Eingerahmt von einem Wald, fällt der Hang 200 Meter lang extrem steil hinab. Eigentlich wachsen hier Brennnesseln, aber heute, am letzten Montag im Mai, müssen sie weichen. Dann wird der Hang für die Käseläufer und ihr Publikum gemäht. Schon morgens um zehn, Stunden vor dem ersten Wettlauf, sind die besten Plätze am Rande der Bahn besetzt. Oben, hinter der Startlinie, sammeln sich derweil an die hundert Athleten. Sie stammen aus allen Teilen der Welt und kommen zum Teil kostümiert. Einer hat sich mit einem körperbetonten Badeanzug als Borat verkleidet. Drei Studenten aus Konstanz treten als Comichelden auf: Superman, Spiderman und Hulk. Berrett Majer, ein 34-jähriger Amerikaner, der bei der U. S. Air Force in England arbeitet, geht im Anzug an den Start. Es sei ein besonderer Tag für ihn, sagt er. "Ich habe mich mental lange auf dieses Ereignis vorbereitet." Er zieht einen kleinen Edamer aus der Tasche: "Mein Talisman."

Endlich eröffnet Rob Seex in seinem weißen Kittel, einem etwas vergammelten Zylinder und einem Wanderstab den Wettkampf. Die ersten 20 Wettkämpfer reihen sich am Rande des Abhangs auf. "Seid ihr bereit?", schreit Seex. Auf sein Zeichen lässt ein Helfer den dreieinhalb Kilo schweren Double Gloucester los, der mit rasender Geschwindigkeit den Hang hinabkullert – und alle 20 Wettläufer hinterher. Ihn zu fangen ist ganz unmöglich. Es geht darum, ihm hinterher als Erster die Ziellinie zu erreichen. Eine besondere Taktik gibt es hierfür nicht. Die meisten rennen erst, dann rutschen sie. Die Kühnsten überlassen sich ganz der Schwerkraft und purzeln ohne Kontrolle nach unten.

Der Gewinner bekommt den Käse. Aber auch, wer nur heil nach unten kommt, hat Grund genug, sich zu freuen. Nach jedem Rennen lesen Sanitäter Gestrauchelte von der Piste, die sich etwas verstaucht oder gebrochen haben. Mehrere Tausend Zuschauer verfolgen das Spektakel. Jeder besonders mortale Salto entlockt der Menge ein kollektives Stöhnen, als würde sie den Schmerz selbst erleben.

Aber die meisten Wettkämpfer kommen mit Prellungen oder Kratzern davon, die sie tragen wie Ehrenmale. Berrett Majer, der mit viel Matsch im Gesicht am Ziel steht, hat einige Beulen abbekommen. Sie werden ihn noch eine Weile an den Adrenalinrausch auf dem Hügel erinnern. "Das war der Hammer", keucht er euphorisch. "Ich komme nächstes Jahr garantiert wieder." Nur einen neuen Anzug wird er dann brauchen.

Das nächste Käserollen findet am 31. Mai 2010 am Coopers Hill sechs Kilometer südöstlich von Gloucester statt. Die Teilnahme ist gratis. Informationen unter www.cheese-rolling.co.uk