DIE ZEIT: Die SPD wirbt in der Europawahl dafür, ein "soziales Europa" schaffen zu wollen. Warum ist das auf einmal nötig?

Jean-Claude Juncker: Wir haben die Märkte liberalisiert, das "soziale Europa" aber ist ein Lippenbekenntnis geblieben.

ZEIT: Was heißt das konkret?

Juncker: Wir haben permanent die Senkung der Sozialstandards zugelassen. Ich dränge seit den achtziger Jahren – als wir den Binnenmarkt eingeführt und den Euro vorbereitet haben – darauf, dass wir die Liberalisierung der Märkte durch soziale Mindeststandards ergänzen. Wenn wir einen Binnenmarkt haben, brauchen wir auch Binnenmarktsozialregeln. Die haben wir nicht.

ZEIT: Die EU ist also unsozial?

Juncker: Es ist mit dem sozialen Europa wie mit der sozialen Marktwirtschaft. Im Allgemeinen ist die Politik dafür. Wenn es aber konkret werden soll, spielt die Geige nach einer anderen Partitur als die Trompete. Wir könnten morgen um elf beispielsweise europäische Mindeststandards beschließen, wenn die Regierungen den politischen Willen dazu hätten. Den haben sie aber nicht. Gerade über die Zurückhaltung Deutschlands wundere ich mich da immer wieder sehr.

ZEIT: Sie haben vor Gewerkschaftern kürzlich geklagt, es sei ein zivilisatorischer Niedergang, dass das Dauerarbeitsverhältnis nicht mehr der Regelfall sei…

Juncker: Das ist doch auch so. Mein Vater war Stahlarbeiter, und wenn der alle sechs Monate um die Verlängerung seines Arbeitsvertrages hätte bangen müssen, wäre ich nie auf die Universität gegangen. Das sozialzivilisatorische Eis, auf dem wir uns bewegen, ist heute einfach zu dünn. Das gefährdet das europäische Sozialmodell. Ich kann deswegen gut verstehen, dass die Leute, die einen Zusammenhang zwischen Europa und ihrer Lohntüte herstellen wollen, frustriert sind.

ZEIT: Über viele soziale Fragen entscheiden doch die nationalen Regierungen. Verlangen wir nicht zu viel von der EU, wenn wir sie auch noch dafür verantwortlich machen?

Juncker: Natürlich brauchen wir keine umfassende EU-Sozialpolitik, keine europäische Renten- oder Sozialversicherung. Aber wir brauchen beispielsweise überall Mindestlöhne