Vytautas Landsbergis, Litauen

Mit den Mitteln der Einschüchterung, des Terrors und der Verfolgung wurden viele Menschen in Litauen nach der Besetzung und Einverleibung unseres Landes in die Sowjetunion 1940 und wieder 1944 herausgefordert. Jede europäische, demokratische, friedliebende und christliche Mentalität sollte zugunsten einer kommunistischen und sowjetdevoten Haltung aufgegeben werden und der Macht der totalitären "Führer" gehuldigt. Viele haben Litauens Situation damals als ungerecht und vorübergehend angesehen, sie bekämpft oder gehofft, wie meine jüngere Generation, dass Terror und Unterdrückung uns nicht ewig aufgezwungen würden. Deshalb haben wir die europäischen Werte gegenüber den primitiven sowjetischen Slogans bevorzugt, und ich habe mich niemals als Nichteuropäer oder Anti-Europäer (damals "Anti-Kapitalist" genannt) gefühlt. Durch die Distanzierung in unserer Seele und durch alles Handeln, das sich der totalen Sowjetisierung widersetzte, wollten wir den Rest der Welt, vor allem das demokratische Europa jenseits des Eisernen Vorhangs (aus unserer Perspektive!), daran erinnern, dass Litauen noch immer lebt. Dass unser nationaler und europäischer Geist, der in den Künsten und der Musik seinen Ausdruck findet, nicht in die sowjetische Kultur aufgeht, sondern weiterhin ein Teil der europäischen Kultur bleibt. Ich habe diese Ideen und Handlungen von den frühen sechziger Jahren an geteilt - ohne häufig Kontakt mit dem Ausland zu haben. So gab es kein einzigartiges Erlebnis und keinen besonderen Anlass für mich, sondern eine dauerhafte Orientierung und eine idealistische Hoffnung, mein Land in der Zukunft erneut europäisch werden zu lassen im Sinne einer unbeschränkten und nicht-sowjetischen Kultur und freier politischer Selbstbestimmung.

Diese Zeit ist gekommen, und unsere Erwartungen und unsere Arbeit waren nicht umsonst.

Vytautas Landsbergis war das erste litauische Staatsoberhaupt Litauens nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1990. Heute ist er Mitglied des europäischen Parlaments

Margalith Kleijwegt © Bert Nienhuis

Margalith Kleijwegt, Niederlande

Ich hatte, so schrieb ein Europäisches Institut, welchem ich mein Diplom vorgelegt hatte, ein Certificate of Qualification for Social Work, und dieses Dokument war, so sollte sich herausstellen, Gold wert.

Europa existierte in diesen Zeiten noch kaum, die Grenzen wurden gut bewacht, und um Arbeit aufnehmen zu dürfen, musste man über eine Arbeitserlaubnis verfügen die nicht einfach zu bekommen war. Als junges Mädchen ging man zu dieser Zeit meistens als Au-pair nach Frankfreich, England oder Deutschland. Aber das kam für mich überhaupt nicht in Frage, ich wollte keine verkappte Haushaltsgehilfin sein, ich wollte arbeiten, studieren und Teil einer anderen Gesellschaft ausmachen.

Da zu dieser Zeit ein Mangel an Sozialarbeiter-Absolventen herrschte, konnte ich mir meinen Job aussuchen. Ich landete schließlich in Brixton, ein schlechter situierte Wohngegenden im südlichen Teil Londons. Ein größerer Kulturschock wäre kaum denkbar gewesen. Da saß ich nun zwischen Müttern und Kindern von vier unterschiedlichen Vätern, die trotz ihres Elends, ihrer geringen Einkünfte den Glauben an eine besser Zukunft nicht verloren hatten. Deren Söhne schlugen, wenn sie ein wenig älter waren, oft eine kriminelle Laufbahn ein, Väter glänzten durch ihre Abwesenheit.

Ich sah, wie schwierig das Leben ist, wenn man wirklich keine Chancen hat. Brixton war ein vor allem von Schwarzen bewohnter Stadtteil, mein schlecht gelaunter Vermieter kam aus Pakistan, und meine Klientin, die ich am meisten schätzte, war eine sehr junge, unverheiratete Mutter aus Jamaika.

Meine Arbeit war schwierig, aber wahnsinnig interessant; im Nachhinein betrachte ich die Jahre in England als richtungweisend für den Reste meiner Karriere, gerade weil die Probleme, mit denen ich in Berührung kam, meinen Horizont erweiterten.

Wenn ein Sohn oder eine Tochter von einem meiner Freunde für eine Weile in ein anderes Europäisches Land geht, denn das ist heutzutage sehr einfach, macht mein Herz immer einen kleinen Sprung. Ich wünsche mir dann insgeheim, dass sie genauso viel erleben und lernen wie ich es damals getan habe.

Margalith Kleijwegt ist Redakteurin der Zeitung Vrij Nederland. Zuletzt erschienenes Buch: Schaut endlich hin! Wie Gewalt entsteht - Bericht aus der Welt junger Immigranten.

Svante Weyler © privat

Svante Weyler, Schweden

Sein Name war Bernd M., und er war neulich aus Jena in die BRD gekommen - über den Umweg eines Stasigefängnises. Er wohnte mit seiner Frau in einer Wohnung in der Stauffenbergstraße in West-Berlin. Bernd wies durch das Fenster auf jene Stelle im Hinterhof, wo die fünf Männer des 20. Juli erschossen worden waren. Im Zimmer nebenan saß die Schriftstellerin Helga N. und trank Schnaps. Sie erzählte vom Leben in Polen und über die Arbeit in der Fischfabrik auf Island. Mir war noch nie eine solche Schriftstellerin begegnet. Bernd erzählte von der kleinen Literaturgruppe in Jena, dessen Migliedern alle jetzt in den Westen waren, - alle außer Lutz R., der in Ost-Berlin geblieben ist. Willst du seine Adresse haben? Bernd war furchtbar wütend, und ich wollte wissen, warum.

Ich selbst fühlte mich wie ein großes Kind, das plötzlich die Tür aus der Kindheit aufgehen sieht. Ich war gerade im Begriff von der Zuschauertribüne herabzusteigen, auf der Schweden und seine Einwohner in den vergangenen zwei Jahrhunderten gesessen hatten.

Das erste Mal kam ich im Herbst 77 nach Berlin. Ich hatte in einer Wohngemeinschaft bei Burkhard in der Kreuzberger Bergmannstraße ein Bett angeboten bekommen. Alle in der Wohngemeinschaft studierten an der PH und waren für die Liste Alternativer Unabhängiger Studenten - LAUS - aktiv. Keiner von ihnen sollte in dem Sommer einen Job im Kinderferienlager bekommen. Bei einer Party in der Wohngemeinschaft gab es Kaninchensuppe. Als Aperitif - nein, keinen Molotow-Cocktail.

So viel Geschichte. So schlimme Geschichte. So spannende Geschichte. In so einem Land spürt man das Leben in sich, wie Astrid Lindgren zu sagen pflegte. Alles Unglück dieser Welt hat hier seinen Ursprung. Ein Paradies für Flagellanten. Günter G. der berühmte Chefauspeitscher. Ein falsches Wort und du bist raus. Eine Form kontrollierter Hysterie, die mir bis dahin unbekannt war.

Wenn das hier Europa ist, dann mach ich mit. Ist man zynisch, wenn man fast neidisch wird?

Einerseits wünscht man jedem Menschen und jedem Volk das Recht und die Möglichkeit, in der Glückseligkeit der Kindheit verharren zu dürfen. Naive Menschen mögen vielleicht langweilig sein, in seltensten Fällen sind sie jedoch gefährlich.

Andererseits will man ja selbst nicht Kind bleiben. "Grow the fuck up" - wie Tony Soprano immer so schön gesagt hat. In Europa.

Svante Weyler ist ein schwedischer Verleger und ehemaliger Deutschlandkorrespondent