Promenade des Anglais heißt die berühmteste Uferstraße von Nizza: ein Ort, der das Tun ersetzt. Dortsein war schon für die Engländer, die Russen und die späteren Exilanten wichtiger als das Spazierengehen am Meer. Genau so funktioniert dieser Roman. La promenade des Russes heißt er im Original. Die sonnendurchflutete Hitze über der Stadt, der mittägliche Zeitenstillstand hinter verschlossenen Jalousien, die durchs Fenster in die Wohnung dringenden Laute von Radiomusik und Nachbargezänk werfen sich immerfort wie Antikörper über die Erinnerung ans Russland der Romanows, an Revolution und Exil, die von der dort lebenden Babuschka mit verzierten Eiern, unbenutzten Samowaren, Ikonen und Lenin-Verfluchungen lebendig gehalten wird. Genauer: Jene O-Töne vom Nizza draußen sind die einzige Waffe, mit der sich die junge Sonja in diesem seltsamen Haushalt zu zweit gegen die Erinnerungswalze ihrer Großmutter zur Wehr setzen kann. Die täglichen Spaziergänge sind ihr ein Graus. Die Alte besteht darauf, denn das gehört zum Sich-nicht-gehen-lassen-Programm. Aus Angst vor einem Sturz klammert sie sich aber so am Mädchen fest, dass dem die Schulter dauerhaft schmerzt. Denn Umfallen auf der Straße oder ein Fleck auf der Bluse ist für die alte Dame der zweitschlimmste Albtraum nach der bolschewistischen Revolution. Es sind Boten einer unerwünschten Zeitenwende.

Véronique Olmis sechster Roman knüpft an einem alten Interesse der Autorin für die osteuropäische Welt an, das seit deren frühen Theaterstücken bekannt ist. Autobiografische Kindheitserinnerungen aus den siebziger Jahren an eine starke Großmutter in Nizza wurden hier russisch eingefärbt. Daraus entstand ein im Zweikampf zwischen Oma und Enkeltochter gestrickter Episodenflickenteppich aus Gegenwart und Vergangenheit an der Côte d’Azur mit einer stets aus der Ferne grüßenden Mutter. Das Buch bietet darüber hinaus eine neue Klärungsvariante zum Mysterium der jüngsten Zarentochter Anastasia Romanow, von der es lange Zeit hieß, sie sei der Auslöschung der Zarenfamilie entgangen und deren Geschick bis heute Rätsel aufgibt.

Sonjas Großmutter, Jahrgang 1901 wie Anastasia, hat jenes Geburtsjahr offenbar für sich reserviert wie andere im Restaurant einen Platz reservieren: um gut zu sitzen. Über den Verbleib ihrer prominenten Altersgenossin scheint sie manches zu wissen. Unermüdlich blättert sie jedenfalls in der abgegriffenen Zeitschrift Historia mit dem Foto vom schäbigen Hinrichtungsort der Zarenfamilie und schreibt empörte Briefe an den Chefredakteur. Gegen ihre lebendige Erinnerung an die Ereignisse, so findet sie, taugten die Wahrheiten der französischen Journalisten und Historiker wenig. Nur geruht der Chefredakteur zum Verdruss der Großmutter über all die Jahre auf die Briefe nicht zu antworten. Die vierzehnjährige Sonja wiederum sucht mit Joe Dassins Oh Champs-Élysées und anderen Schlagern diese Anastasia-Geschichte aus ihrem Leben, aus Nizza und aus ganz Frankreich zu verscheuchen.

"Wie russisch du manchmal bist", sagt sie im Bahnhofscafé zu ihrer Mutter, um diese zu ärgern. Denn die Mutter erträgt die extravagante Vergangenheitssucht der "zwischen Bergen und Meer eingeklemmten" Exilantenstadt Nizza so wenig wie die Tochter und setzt sich nach Paris ab. Sonja harrt bei der Großmutter aus. Sie stellt sich nur manchmal vor, sie wäre ein ganz normales katholisches Franzosenmädchen mit dem schlichten Namen Dubois oder Petitjean und einem Bäcker oder Trappistenmönch als Onkel. Ihr Großvater, der 1914 einen Granatsplitter in den Schädel bekam, dann in der antibolschewistischen Freiwilligenarmee kämpfte und sich schließlich mit seiner Familie zur Emigration entschloss, hatte dieses Normalitätsproblem dadurch gelöst, dass er als Statist für die Victorine-Filmstudios in Nizza mit angeklebtem Schnurrbart und Ganovenmütze neben Simone Signoret tanzte, bevor er an nervöser Erschöpfung unverstanden starb.

Das Kleinschraffierte solcher Details liegt der Autorin Véronique Olmi besser als weit gespannte Handlungsbögen. Am überzeugendsten war die Erzählerin Olmi immer schon in der Kurzform der Novelle oder in ihrem schmalen Erstlingsroman Bord de mer. Selbst Weltgeschichte sickert bei ihr nur als Spurenelement von Privaterinnerung in die Romane. Das geht gut, solang dieses Bagatellenmosaik des Privaten funkelt. Manchmal hängt es aber einfach durch. Auch dieser Roman wäre eher ein Novellenstoff, bis hin zu jenem Moment, wo die Anastasia-Geschichte am Ende grandios zur reinen Privatgeschichte implodiert. Sonja steigt in den Zug nach Paris und wird erwachsen. Die Großmutter ist ihr Geheimnis los und kann sterben.

Claudia Steinitz hat diese Gratwanderung einer pubertären Selbstfindung auf den Klippen der Weltgeschichte in ihrer Übersetzung souverän nachgezeichnet. Da der deutschen Sprache das Mittelregister zwischen Umgangs- und Vulgärsprache fehlt, das im Französischen durch verschluckte Silben und Negationspartikel sowie durch geschliffene Kraftausdrücke erreicht wird, hängt in der grundanständigen deutschen Textfassung manchmal ein Fuß bedrohlich in der Luft. Doch verleiht das dem Buch eine zusätzliche Spannungsnote.