Der Begriff Deliberation, dem altrömischen Recht entstammend, meint so viel wie "öffentliche Beratschlagung unter Mitwirkung vieler Bürger". Deliberative Demokratien wie die amerikanische setzen auf Diskussionsprozesse in kleineren oder größeren Gruppen, ehe sie zu politischen oder militärischen Entscheidungen gelangen. Cass Sunstein nun fragt: Ist das gut so? Sind Entscheidungen, die in diskutierenden Gruppen fallen, die besseren (wobei nicht geklärt wird, was "gut" bedeutet und nach welchen Kriterien ein Ergebnis als "schlecht" oder "falsch" beurteilt wird)? Nein, befindet er und sucht im Folgenden nach strukturellen Defiziten der Deliberation, die ähnlich auch schon gegen Jürgen Habermas, den Großtheoretiker des deliberativen Diskurses, eingewandt wurden, dessen ideale Sprechsituation in kommunikativer Rationalität nicht notwendig dem qualitativ besten Argument zum Sieg verhilft.

Sunsteins Kernthese besagt, dass extreme Positionen Einzelner in einer Gruppendiskussion von Gleichgesinnten die Positionen letztlich noch extremer bis extremistisch werden ließen und also Versagen programmierten. "Falsche" Deliberation habe zum Einmarsch in den Irak geführt, zur Pleite des Energiekonzerns Enron und zur Explosion des Spaceshuttles Columbia 2003. Mehr noch, Deliberation verstärke Fanatismus, führe im Weiteren gar zu Terrorismus.

Interessant ist Sunstein, 54, Verfassungsrechtler an der University of Chicago Law School, auch deswegen, weil er nach Barack Obamas Wahlsieg das Office of Information and Regulatory Affairs im Weißen Haus leitet und einer jener zukunftsorientierten Köpfe aus der akademischen Beletage ist, die der neue amerikanische Präsident in vorbildlicher Weise an sich zu binden versteht und mit denen die Hoffnung auf eine intellektuelle Revitalisierung des Demokratischen genährt wird.

Nun ist Infotopia bis zu Seite 180 von 300 aber leider schlichtweg langweilend, redundant und repetitiv, mit endlos aneinandergereihten, dezimal variierten Beispielen statistischer Propädeutik. Man hat immer wieder tief durchzuatmen. Ab Kapitel fünf dann wird die Hartnäckigkeit des Lesers zaghaft belohnt, weil der Autor , der in seinem oft dröge differenzierenden Sachverhaltsgewebe keinerlei Emotionen, Wertungen oder Pointen zulässt, auf eine höhere Ebene wechselt und die kommunikationsethische Kernfrage der politischen Kultur der Zukunft anreißt: Wer ist warum an der Generierung von Wissen beteiligt? Wer soll beteiligt werden, und wer legt all das fest?

Erfrischend ist die Kronzeugenschaft des antisozialistischen Ökonomen Friedrich Hayek für Sunsteins Anliegen einer Gedankenversammlung vieler Köpfe; Hayeks System von Märkten und Preisen als anreizgesättigtem, umfassendem und wahrhaftem Wissenskorpus dient Sunstein als Blaupause für die Aggregation weit unter den Menschen verstreuten Wissens – Wissen nicht als Macht, sondern als Prognosemarkt Wiki. Wikis, Blogs und Open-Source-Foren sind für Sunstein je unterschiedliche Vorbilder eines graswurzelkreativ sich verbessernden Wissenssystems in unmittelbarer Öffentlichkeit. Sie wirken als außerparlamentarische Kontrollsysteme wie als für jedermann zugängliche, durch Kommentar und Bewertung veränderbare Informationsbörsen. Spannend, aber fragwürdig ist Sunsteins Ansicht, viele Wiki-Köpfe korrigierten Fehler in kurzer Zeit, wobei nicht geklärt ist, wie und wodurch das Wissen jener vielen Nichtexperten, Nichtwissenschaftler, Nichtprofis im virtuellen Raum zustande kommt und wer letztinstanzlich prüft, ob das sich selbst aggregierende Wissen der "Blogosphäre" gut, "richtig", kohärent, valide oder nur selbstreferentiell ist.

Das Buch hat vor allem inhaltlich ein Grundproblem: Es sitzt in der Falle des hermeneutischen Zirkels und setzt voraus, was es beweisen will. Sunstein legt einer zu treffenden Entscheidung die Existenz von "Wahrheit" als solcher zugrunde, ohne zu diskutieren, welcher Begriff von Wahrheit es sein soll, ob es nach postmodernen Dekonstruktionen Wahrheit an sich überhaupt noch geben kann.

Nach Lektüre von Infotopia ist die sogenannte Wissensgesellschaft als enthusiastisch gefeiertes Narrativ für eine neue Epoche erst einmal vom Tisch. Trotzdem bleibt Sunstein optimistisch. "Alles in allem", resümiert er, "ist die Blogosphäre ebenso wie das Internet wahrscheinlich gut für die Demokratie." Zu einem spitzfindigeren Urteil ist er ebenso wenig bereit wie zu einer durchdeklinierten Agenda von Verfahrensregeln, die über den Vorlesungscharakter hinausgehen würde.