Erinnert sich noch jemand an die Stammzelldebatte ? Den erbitterten Streit um die Deutungshoheit, den Grundwertediskurs in den Feuilletons, als Philosophen, Kirchenfürsten, Ethiker mit Juristen und Wissenschaftlern rangen? An eine Bundestagsdebatte , die als Sternstunde des Parlaments gefeiert wurde?

Gleich nach der Jahrtausendwende ging es um große Fragen: Wie viel Menschenwürde können die weniger als 300 Zellen eines frühen Embryos beanspruchen? Darf man diese für Zellzüchtungen benutzen, für die Forschung, für Therapien? Ist es wenigstens statthaft, solche "embryonalen Stammzellen" (von den Kombattanten bald nur noch als "ES-Zellen" abgekürzt) aus dem Ausland zu importieren? Oder verstößt die Embryonenforschung gegen ein menschliches Sittengesetz, ist ein Frevel wider die Schöpfungsordnung ? Manche Kommentatoren sahen die Fundamente des christlichen Abendlandes wanken. 2001 musste der Bonner Stammzellforscher Oliver Brüstle samt Familie sogar unter Polizeischutz gestellt werden – nachdem eine Zeitung seine Privatadresse abgedruckt hatte.

Die Empörung ist verrauscht ; den Erkenntnisprozess hat sie ohnehin nicht aufgehalten. Die professionellen Wertewahrer unter den Kritikern sind längst weitergezogen, um andere Missstände zu geißeln – so wie im Moment, angesichts des Fiaskos der Finanzmärkte, der Auswüchse des Rendite-Kapitalismus. Und die beteiligten Wissenschaftler? Verhandeln längst andere Dinge, denn ES-Zellen – das scheint inzwischen ziemlich sicher – werden künftig kaum noch gebraucht. Sie haben ihren Dienst getan, mit Erfolg.

Die Erforschung von ES-Zellen hat eins der letzten fundamentalen Rätsel der Biologie gelöst: das Rezept ewiger Jugend (Zellbiologen sprechen von "Pluripotenz"). Denn ES-Zellen sind gleichsam ein Schnappschuss aus dem frühen Embryo, just in jenem Moment, in dem aus ihm noch alle Gewebearten des Körpers entstehen können. Jenem Augenblick, an dem die Zellen noch unbegrenzt teilungsfähig sind – prinzipiell also unsterblich. Nach nur einem Jahrzehnt heiß umstrittener Forschung haben die ES-Zellen ihr Geheimnis preisgegeben. Es schlummerte in den biochemischen Signalen.

Die Formel ist überraschend einfach. Im Sommer 2006 entdeckten japanische Forscher das entscheidende Elixier: Vier Anlagen im Menschenerbgut werfen eine biochemische Maschinerie an, die die Zellen im Prinzip unsterblich macht.

Doch ES-Zellen sind Retortenwesen, sie leben nur in den Kulturschalen der zellbiologischen Labors. Im entstehenden Menschen endet die Unsterblichkeit schon bald nach der Zeugung. Die Zellen des frühen Embryos müssen sich verwandeln, bilden schließlich die unterschiedlichen Zelltypen für rund 240 verschiedene Gewebearten. In denen ist das Quartett fürs Jugendelixier längst verstummt.

Was aber würde passieren, wenn man die vier wieder weckte? Kehrte dann auch die Pluripotenz zurück? Die Japaner machten das entscheidende Experiment , schlossen die schlummernde Maschinerie einfach kurz: Mithilfe von Viren verfrachteten sie ein zweites Quartett in erwachsene Zellen. Der Effekt war dramatisch – nach kurzer Zeit wuchs in den Kulturschalen ein Zelltyp heran, den es noch nie gegeben hatte, genannt "induzierte pluripotente Stammzellen" (iPS), von herkömmlichen ES-Zellen praktisch nicht zu unterscheiden. Der Trick funktionierte mit Zellen von Mäusen – und auch von Menschen.