Wenn ein Bild Glück hat, wird es Kunst. Dann kommt es in ein Museum, wird bewacht, besprochen und bestaunt. Man kann Bildern zu diesem Glück verhelfen, und das war eine der Aufgaben des 1853 gegründeten Christlichen Kunstvereins für das Erzbistum Köln. Eine Innenansicht seines Diözesanmuseums zeigte 1905 die Menge der bereits angehäuften Schätze: Dicht gedrängt füllten sie Wände und Vitrinen. Hundert Jahre später erkennt man im Neubau an der Kolumbastraße zwei der damals fotografierten Werke wieder, aber der Kontrast könnte nicht größer sein: Heute ist ihnen eine Wandfläche eingeräumt, auf der das 19. Jahrhundert locker das Dutzendfache untergebracht hätte.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Im Kolumba geht man großzügig mit Platz um, jedoch anders als in manchen Museumsneubauten, deren Vestibüle wie Weihehallen selbstreferenzieller Architektur bilderleer bleiben. Hier lässt man den Exponaten mehr Platz, und diese finden einen optischen Resonanzraum bis an die Grenze zur Verwunderung. So hat ein schönes Elfenbein-Kruzifix aus dem 12. Jahrhundert eine ganze lange Wand für sich allein. Als Publikumsfavorit hat es zudem den Austausch überstanden, mit dem das Museum einmal jährlich seine Exponate umwälzt: Zum 1. September wird geschlossen, vierzehn Tage später mit überwiegend neuen Schaustücken wieder geöffnet. So lockt man die einmal bekehrten Besucher zweimal im Jahr ins Haus: wenn neu gehängt worden ist und bevor wieder abgehängt wird – muss man doch befürchten, dass die Lieblingsstücke ins Depot wandern.

Aus der Eröffnungspräsentation von 2007 sind auch Werke von Paul Thek verblieben, wie man sie hier in einer Zahl besitzt, die angesichts der aktuellen Preise erstaunt. Man habe eben rechtzeitig gekauft, lautet die lässige Erklärung, als der Markt sich für den 1988 verstorbenen Sonderling kaum interessierte. Man könnte das eine antizyklische Erwerbspolitik nennen, hätte man nicht den Eindruck, dieses Museum denke ohnehin azyklisch. Nebenflüsse zählen hier jedenfalls mehr als der Mainstream und solitäre Wirbel mehr als aktuelle Strömungen. So bleibt man auch von dem bequemen Kanon verschont, der inzwischen fast überall von Beuys bis Warhol, von Baselitz bis Twombly durchbuchstabiert wird. Wer dagegen eine Allergie entwickelt hat, findet hier Remedur, denn im Kolumba regiert das Bild und nicht der Name.

Der Versuch, das Wertvolle kostbar zu machen – statt, wie die Pop-Art und ihre Kunstmarktschüler, das Billige teuer –, lässt religiöse Kunst und Kunstreligion aufeinandertreffen. Sie heben sich gegenseitig, ohne dass Konfessionen abzulegen wären, denn es wird schon lange nicht mehr nur religiöse Kunst gesammelt. Aber es ist doch eine sehr katholische Mischung aus Bilderlust und Deutungsernst, die das Museum trägt; schon die vielen Marienbilder sind eine ökumenische Herausforderung.

Doch geht es ohnehin um mehr als um eine Preziosenschau: Die dunkelgrüne Elegie, die Marcel Odenbach über den Völkermord in Ruanda gefilmt hat, wirft einen langen Schatten auf den intellektuellen Sehgenuss, den das Museum bietet; ebenso irritiert ein ergreifender Marientod von 1520 neben der Nacktheit der Teufelin, die ein barocker St. Michael elegant erlegt – und natürlich der immer neue, gerade erst wiederbelebte scandalum crucis.

Den Genozid von Ruanda muss man Schulkindern heute schon erklären. So etwas geschieht außerhalb der Öffnungszeiten, denn der Besucher soll das Museum ungestört besuchen und der Lehrer sich auf seine Klasse konzentrieren können. Man sieht, hier ist vieles anders. Zudem ist montags offen und dafür dienstags geschlossen.

Nachdem zunächst Peter Zumthors bestechender Museumsbau markante Preise auf sich gezogen hatte, ist gerade das Kuratorenteam des Hauses für seine "Gewitztheit und Solidität" mit dem Museumspreis der Kulturstiftung hbs ausgezeichnet wurden; das kann man nur unterschreiben.

Seinen Namen trägt das Museum übrigens nach der Patronin der kriegszerstörten Kirche, deren Ruine der Neubau überwölbt. Sie gilt als Schutzheilige gegen Augenleiden und Regen, womit sie ja auch als Namensgeberin eines Museums taugt. Wenn ein Bild Glück hat, kommt es in ihr Museum.