Die Begeisterung für Europa dauert in Freising gut zehn Sekunden. So lange brauchen die München-Pendler vom Wahlkampfstand der CSU bis zum Mülleimer der S-Bahn-Unterführung. Dutzendfach lächelt dort das Abbild der EU-Abgeordneten Angelika Niebler aus dem Papierkorb, während die echte Politikerin 26 Stufen höher ihren Prospekt verteilt und jedem potenziellen Wähler eine Brezel in die Hand drückt. "Es geht schon leichter, wenn man was für die Leute in der Hand hat", sagt die 46-Jährige. Später am Tag wird sie noch Fußbälle, Lippenbalsam, Sonnenblumensamen und Frisbees verteilen. Argumente reichen nicht, wenn man um den Einzug ins nächste Europaparlament kämpft.

785 Abgeordnetenposten aus den 27 EU-Ländern werden im Juli neu besetzt, an diesem Sonntag fällt die Entscheidung über die 99 deutschen Sitze. Angelika Niebler kandidiert in Oberbayern. Dabei sind ihre Kontrahenten nicht die SPD, die Freien Wähler um Gabriele Pauli oder die Grünen. Die wahren Gegner sitzen in vielen bayerischen Köpfen. Es sind die Vorurteile gegenüber Brüssel und dem Europaparlament. Etwa der Glaube, es ginge in Europa nur um Gurkenkrümmung, Glühbirnenverbote und Golfplatzsubventionen. Das muss Niebler erst einmal entkräften, bevor sie zu den Wählern durchdringt.

In knapp 200 Wahlkampfauftritten in nur 30 Tagen versucht sie, ihre Zuhörer für Europa und zugleich für die CSU zu begeistern. "Wir Bayern sind die großen Profiteure der EU. Jeden zweiten Euro verdienen wir im europäischen Binnenmarkt", sagt Niebler.

Doch oft reagieren die Menschen wie die Berufsschülerin aus Erding, auf die Niebler am Freisinger Bahnhof einredet. "Ich geh wohl nicht zur Wahl, das interessiert mich einfach nicht", sagt die 18-Jährige. Kurze Videos, mit denen Niebler im Internetportal YouTube die Mär vom Zahlmeister Deutschland zu widerlegen versucht, treffen nicht den Geschmack dieser Zielgruppe. Wohl kaum jemand, der Nieblers Konterfei am Freisinger Bahnhof so ungeniert entsorgt, hat eine Ahnung, was sie in den vergangenen fünf Jahren in Brüssel und Straßburg geleistet hat. Niebler ist dort Vorsitzende des Industrieausschusses. Sie zählt zu den einflussreichsten Parlamentariern. Ob die Deckelung von Handygebühren, die Entmachtung von Stromkonzernen oder der Klimaschutz: All diese Themen hat Niebler federführend mit Mitgliedsstaaten und der Europäischen Kommission verhandelt, selbst SPD-Abgeordnete wie Erika Mann loben ihr "Fingerspitzengefühl" und die "exzellente Führung".

Von dem Respekt, der ihr in Brüssel entgegenschlägt, ist bei den Landfrauen in Reichertshausen wenig zu spüren. Dabei hatte Niebler noch am Morgen Hoffnung, als sie die Bild- Zeitung aufschlug. Regierung entlastet Bauern, stand da auf Seite 2. Die Schlagzeile ließ sie zuversichtlich ins oberbayerische Land fahren. Nach wochenlangen Protesten der Milchbauern senkt die Regierung nun die Steuern auf Agrardiesel. Den Landfrauen reicht das nicht. "Warum sorgen Sie nicht endlich dafür, dass unser Diesel genauso billig ist wie in Frankreich?", fragt eine Bäuerin. "Mich treibt’s auch um", sagt Niebler. Mehr als Verständnis zeigen kann sie aber nicht. Schließlich entscheidet Berlin und nicht Brüssel über die Mineralölsteuer.

Das Bild vom "Papiertiger Brüssel", das Niebler so gern wegwischen würde, wird von manchem Lokalpolitiker bewusst gezeichnet. "Wo sie hinkommen, schimpfen die Lokalpolitiker auf Brüssel, verschweigen aber die Millionen, mit denen ihre Kommune gefördert wurde", sagt Niebler.

Zum Beispiel beim Kräutergarten in Bad Heilbrunn. Den hat die EU mit über 100.000 Euro gefördert. Niebler formt ein kleines Rechteck mit Daumen und Zeigefingern: "Bevor ich kam, war das Schild mit dem EU-Logo so groß", sagt sie. Für den Wahlkampfbesuch hat der Bürgermeister immerhin eine Infowand aufstellen lassen. "Hier investiert Europa in die ländlichen Gebiete" steht darauf. Damit das nicht nur im Kurort klar wird, hat Niebler eine EU-Förderfibel aufgelegt. Dutzende Programme listet sie in dem 50-seitigen Heft auf und beschreibt, wie Unternehmer an Fördermittel kommen, die sich im Freistaat auf einige Hundert Millionen Euro im Jahr belaufen.